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Anne Krueger : Die „Grand Old Lady“ der Ökonomie

Anne Krueger (Jahrgang 1934) Bild: Foto Getty / Bearbeitung F.A.S.

Anne Krueger untersuchte, wie eine Klüngelwirtschaft Städte und ganze Länder verarmen lässt. Mit ihrem berühmten Aufsatz über Interessengruppen, die Druck auf die Regierung ausüben, konnte sie sich in einer Männerdomäne etablieren. Ihre Thesen sind heute aktueller denn je.

          Die Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds machte einmal einen Vorschlag, der als Paukenschlag galt: Sie forderte ein Insolvenzverfahren für Staaten. Die Idee war nicht neu, doch sie kam von wichtiger Stelle – und zu einer Zeit, in der es drängender denn je erschien, geordnete Bahnen für Staatspleiten zu schaffen.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Diese Frau war nicht etwa die aktuelle IWF-Chefin Christine Lagarde, und es ging dabei auch nicht um Griechenland, Portugal oder Zypern. Es war Anne Osborn Krueger, die ehemalige Vizepräsidentin des IWF, die beim jährlichen Dinner der Mitglieder des National Economists Clubs ein solches Insolvenzverfahren ähnlich dem amerikanischen Chapter 11 für Unternehmenspleiten forderte. Und zwar schon im November 2001, kurz vor dem Staatsbankrott in Argentinien. Auch andere Schwellenländer, allen voran Brasilien und die Türkei, steckten damals in der Krise.

          Hätte jemand auf Krueger gehört, wäre in der Euro-Krise womöglich vieles leichter gewesen. Doch die Umsetzung scheiterte am Widerstand der Amerikaner. Es war das einzige Mal, dass Krueger, geboren 1934 in Endicott, New York, je wirklich für Aufregung sorgte. Denn die „Grand Old Lady“, die große alte Dame unter den amerikanischen Volkswirten, gilt zwar als brillante Ökonomin. Sie lehrte an verschiedenen Universitäten (aktuell an der Johns-Hopkins-Universität in Washington), war von 1982 bis 1986 Chefökonomin der Weltbank und schaffte es 2001 als erste Frau ins Topmanagement des IWF. Bis heute gehört sie zu den wenigen Frauen, deren Name für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ins Spiel gebracht wird – noch immer eine Männerdomäne. Doch große Auftritte sind ihre Sache nicht: Die Frau mit dem Kurzhaarschnitt und der immergleichen randlosen Brille wirkt stets unaufgeregt, geradezu nüchtern.

          Wettbewerb um Renten

          Kruegers Namen verbindet man nicht mit fesselnden Reden. Bekannt wurde sie, wie andere Ökonomen auch, im Wesentlichen durch einen zentralen Aufsatz, der noch heute als bahnbrechend gilt: „The Political Economy of the Rent-Seeking Society“, erschienen 1974 in der American Economic Review. Darin analysierte sie ein Phänomen, das vor ihr schon Gordon Tullock skizziert hatte. Doch Krueger prägte den Begriff, mit dem man dieses Phänomen bis heute verbindet: rent seeking.

          Unter rent seeking versteht man, dass Interessengruppen aus der Wirtschaft Druck auf die Regierung ausüben, um sich spezielle Vorteile und Privilegien zu verschaffen. Das können Steuervergünstigungen, Subventionen oder günstige Kredite sein, aber auch Importzölle, die ein Unternehmen vor der Konkurrenz aus dem Ausland schützen sollen. Rent seeking kann auf legale Weise erfolgen (durch Lobbyismus) oder auf illegale Weise (durch Bestechung).

          Was ist nun das Problem daran? Ressourcen, die für die Rentensuche eingesetzt werden - vor allem Zeit und Geld für die Informationssuche, Kontaktaufnahme und Interessenorganisation - stehen für eine produktive Verwendung nicht mehr zur Verfügung. Sie werden nicht genutzt um Autos oder Computer herzustellen, sondern dienen nur der Umverteilung. Anders gesagt: Statt den Kuchen größer zu machen, versucht man nur, selbst einen größeren Teil davon zu bekommen.

          Während rent seeking für ein einzelnes Unternehmen durchaus sinnvoll sein kann (nämlich wenn die Kosten, die man dafür einsetzt, geringer sind als der Gewinn), schadet es deshalb der Wirtschaft als Ganzes. Hierin liegt das Besondere an Kruegers Erkenntnis: Sie konnte zeigen, dass die Wohlfahrtsverluste durch staatliche Interventionen - in ihrem Beispiel die Vergabe einer begrenzten Anzahl an Importlizenzen, wie sie in den sechziger Jahren in der Türkei und Indien üblich waren – wegen des daraus entstehenden Wettbewerbs um Renten größer sind als in der neoklassischen Ökonomie bis dato angenommen.

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