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Anna Schwartz : Die Herrin des Geldes

  • -Aktualisiert am

Anna Jacobson Schwartz (1915–2012). Bild: David Shankbone / GNU Free Documentation License

Anna Schwartz hat erforscht, wie die Geldpolitik die Krisen der Weltwirtschaft beeinflusst. Von ihren Erkenntnissen zehren die Notenbanken bis heute.

          Im Rampenlicht stand Anna Schwartz erst gegen Ende ihres langen Lebens. Milton Friedman, mit dem sie über Jahrzehnte zusammengearbeitet hatte, insbesondere an dem bahnbrechenden Werk „Monetary History of the United States 1867-1960“, war im Jahr 2006 gestorben. Gleichsam an seiner Stelle erhob nach Ausbruch der internationalen Finanzkrise 2008 seine damals schon 93-jährige Koautorin kämpferisch die Stimme des Monetarismus, jener Strömung in der ökonomischen Geldtheorie, die den engen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation betont und sich gegenüber einer diskretionären, also nicht an eine feste Regel gebundenen Geldpolitik skeptisch zeigt.

          Anna Schwartz engagierte sich nicht nur in Fachgesprächen und auf wissenschaftlichen Tagungen, sondern auch in den Medien, die sie zuvor weitgehend gemieden hatte - im Team Friedman-Schwartz war er der Medienstar gewesen und sie die fleißige Biene im Hintergrund. „Anna hat die ganze Arbeit gemacht, und ich bekam die Anerkennung dafür“, hat Friedman, der 1976 mit dem Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde, einmal selbstkritisch eingestanden.

          Nun aber, im Frühjahr 2009, nahm sie an einer Sondertagung der Mont Pèlerin Society in New York teil und nutzte die Gelegenheit, um das Wesen und die Ursachen der Krise auf den Punkt zu bringen: Es handele sich nicht um einen Liquiditätsengpass, sondern vielmehr um eine Solvenzkrise, und den Boden dafür bereitet hätten eine zu expansive Geldpolitik, die massive Förderung des Immobilieneigentums durch den Staat sowie die Verbreitung von noch nicht ausgereiften Finanzprodukten.

          Kritik an Ben Bernanke

          Wenige Monate später, als über die Erneuerung des Mandats für Ben Bernanke als Chairman der Federal Reserve zu entscheiden war, schrieb Schwartz in der New York Times, dieser habe ernsthafte Sünden des Tuns wie auch des Unterlassens begangen und eine Wiederberufung somit nicht verdient. Er kenne offenbar nur Nullen und Billionen, spottete sie - die Nullen für den Zinssatz und die Billionen für die Bilanzsumme. Der niedrige Zinssatz jedoch begünstige unsinnige Investitionen, und die aufgeblähte Bilanzsumme berge ein großes aufgestautes Inflationspotential.

          Der schwerste Fehler der Federal Reserve indes liege in ihrer Unberechenbarkeit, schrieb Schwartz: Die Marktteilnehmer seien im September 2008 davon überrascht worden, dass Lehman Brothers nicht gerettet wurde, und auch im weiteren Verlauf habe die Notenbank keine nachvollziehbaren Kriterien für ihr Handeln kommuniziert, sondern den Eindruck hinterlassen, sie entscheide ad hoc. Die danach eingetretene Kreditklemme sei kein Ergebnis eines Liquiditätsmangels, sondern fundamentaler Unsicherheit: Niemand wisse, wen es als Nächsten erwischen werde.

          Die sportliche, energiegeladene und teamworkbegabte Wissenschaftlerin, die bis zuletzt täglich in ihrem Büro am National Bureau of Economic Research (NBER) gearbeitet hat, einer privatwirtschaftlichen Forschungseinrichtung, galt als eine der besten Ökonominnen der Welt. Sie war eine herausragende, höchst penible Empirikerin, die statistische Daten nicht nur zu sammeln, sondern auch zu interpretieren wusste und die zudem innovative Konzepte und Methoden der empirischen Messung erfand: Sie war die Herrin der Zahlen. Sie hat sich neben der monetären Statistik mit der quantitativen Forschung zur Geldpolitik, zu verschiedenen Währungsregimes sowie zu den internationalen Ansteckungswegen von Inflation und Konjunkturzyklen befasst.

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