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Die Ordnung der Wirtschaft : Gute Schulden, schlechte Schulden?

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Harvard-Mensa: Hier wird geschluckt, was vorgesetzt wird, nicht so im Hörsaal Bild: © Rick Friedman/Corbis

Der Fehler der Harvard-Ökonomen Reinhart und Rogoff stellt Europas Sparpolitik nicht in Frage. Aber Regeln wie „Schulden unter 90 Prozent gleich stärkeres Wirtschaftswachstum“ sind zu einfach.

          Bringen Rechenfehler in einer Tabellenkalkulation die auf die Konsolidierung der Staatshaushalte abzielende Rettungspolitik in der Europäischen Union ins Wanken? Möglicherweise, denn auf diese Gelegenheit zu einer Attacke haben viele Kritiker dieser Politik offenbar nur gewartet.

          Wäre ein Umsteuern aufgrund der jüngsten Korrektur empirischer Ergebnisse zum Zusammenhang von staatlichem Schuldenstand und Wirtschaftswachstum sinnvoll? Keineswegs, denn auch ohne eine trennscharfe Schwelle zwischen gutem und schlechtem Schuldenstand ist die Forderung nach Konsolidierungsmaßnahmen in Europa wohlbegründet.

          Aus Fehlern lernen

          Bleibt die empirische Wirtschaftsforschung trotz dieser ungewöhnlich prominenten, aber keineswegs untypischen Episode von wissenschaftlichem Versuch und Irrtum eine wichtige Grundlage für die wirtschaftspolitische Debatte und darauf aufbauende Entscheidungen der Politik? Selbstverständlich. Denn gerade die Falsifizierbarkeit von Erkenntnissen, die ihrem Wesen nach immer als vorläufig einzuordnen sind, begründet die Wissenschaftlichkeit der Ökonomik als einer inzwischen zu großen Teilen empirischen Sozialwissenschaft.

          Gerade der Anspruch, dass empirische Forschungsergebnisse transparent dokumentiert werden und durch andere Wissenschaftler wiederholbar sein müssen, ermöglicht das Aussieben von Fehlern und damit echten wissenschaftlichen Fortschritt. Dieser mühsame Prozess schließt Um- und Irrwege mit ein. Aber es gibt keinen besseren Weg zum Ziel, der Gesellschaft einen wachsenden Bestand immer besser abgesicherter Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen. Auf dieser Basis kann man gut begründete und damit letztlich auch gute Politik machen.

          Verständnis für Finanzkrisen erweitert

          Was ist wirklich passiert? Im Mittelpunkt der aktuellen Kontroverse zum Zusammenhang von staatlichem Schuldenstand und Wirtschaftswachstum stehen die Ökonomen Carmen M. Reinhart und Kenneth S. Rogoff der Harvard University. Sie haben in den vergangenen Jahren zu Recht große Aufmerksamkeit gefunden und breite Anerkennung dafür geerntet, dass sie unser Verständnis für die Entstehung, insbesondere aber auch für die Folgen von Finanzkrisen stark befördert haben.

          Für ihr 2009 erschienenes Werk „This Time Is Different“ haben sie alle relevanten Finanz- und daran anknüpfende Wirtschafts- und Staatsschuldenkrisen der vergangenen acht Jahrhunderte erfasst. Und sie haben die Daten so aufbereitet, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Entstehung und Bewältigung von Krisen erkennbar und wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen möglich werden.

          Irgendwas hat nicht gepasst

          Am meisten hat jedoch ein Befund für Aufsehen gesorgt, der gar nicht in ihrem Bestseller veröffentlicht wurde, sondern Anfang 2010 separat in dem akademischen Arbeitspapier „Growth In A Time Of Debt“. In dieser knappen und methodisch eher simplen Abhandlung haben Reinhart und Rogoff Schuldenstand und Wirtschaftswachstum für 44 Länder entsprechend dem jeweiligen Schuldenstand in die vier Kategorien von „unter 30 Prozent“, „30 bis 60 Prozent“, „60 bis 90 Prozent“ und „über 90 Prozent“ gruppiert.

          Anschließend wurden innerhalb dieser Gruppen erst für jedes Land sein durchschnittlicher Wachstumswert und dann aus diesen Werten die durchschnittliche Wachstumsrate der jeweiligen Ländergesamtheit berechnet, ausgewiesen sowohl durch den arithmetischen Mittelwert als auch durch den Median. Dieser liegt genau in der Mitte der betrachteten Beobachtungen und ist dadurch robuster gegenüber einzelnen Extremwerten als das arithmetische Mittel.

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