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Die Ökonomie der Vielfalt : Wie viele Sprachen brauchen wir?

Ein Asterix-Comic in Esperanto Bild: picture-alliance/ dpa

Weltweit gibt es 6909 Sprachen. Das sind zu viele. Die Sprachvielfalt kostet Verständnis, Wohlstand und Geld. Aber die Kunstsprache Esperanto für alle ist auch keine Lösung. Es müsste irgendwas in der Mitte geben.

          3 Min.

          Ach, wär es nicht praktisch, wenn alle Menschen eine gemeinsame Sprache sprächen? So denken Menschen schon seit Jahrhunderten. In der Bibel braucht es den großen Zorn Gottes auf den Turm von Babel, um die globale Sprachverwirrung zu erklären. Und seit Jahrzehnten probieren Menschen die Sprachverwirrung zu überwinden, zum Beispiel der polnische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof, der die Kunstsprache Esperanto erfand, die für möglichst viele Menschen leicht zu lernen sein sollte.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Großer Erfolg ist Esperanto nicht beschieden. Bis heute sprechen nicht mal fünf Millionen Menschen die Kunstsprache. Vielleicht ist eine einzelne gemeinsame Sprache schlicht nicht nötig. Der Welt würde schließlich auch vieles entgehen - manche Gedanken sind in einer Sprache zu Hause und lassen sich in anderen nur ausdrücken, indem diese das Wort übernimmt. Nicht einmal die Vereinten Nationen haben sich auf eine Arbeitssprache geeinigt, die Europäische Union kennt gar 23 Amtssprachen - jede, die in einem Mitgliedstaat gilt.

          Die beste Lösung muss irgendwo in der Mitte liegen. Nach ihr suchen Victor Ginsburgh und Shlomo Weber in einem neuen Buch, der eine ein Ökonometriker mit Muttersprache Suaheli, der lange in Brüssel gearbeitet hat, der andere sprach als Kind russisch und lehrt jetzt in Dallas und Moskau. Beide erforschen schon seit Jahren die ökonomischen Folgen von Spracheinheit und Sprachverwirrung - und rechnen vor, wie viele Sprachen die Europäische Union braucht.

          Bild: Alfons Holtgreve

          Zu viele sind auf jeden Fall nicht gut. Ginsburgh und Weber zeigen eindrucksvoll, was die Sprachverwirrung auf der Welt kostet. 6909 unterschiedliche Sprachen werden auf der Welt gesprochen, da bleibt die Verständigung schon mal auf der Strecke.

          Besonders schlimm ist es in einigen armen afrikanischen Staaten. In Tansania gibt es 129 unterschiedliche Sprachen, in Kamerun 279 und in Nigeria gar 527. Wie das den afrikanischen Wohlstand zurückhält, haben die Entwicklungsökonomen William Easterly und Ross Levine ausgerechnet: Zwischen 1960 und 1990 wuchsen afrikanische Staaten im Durchschnitt um 3,5 Prozentpunkte pro Jahr langsamer als die armen Staaten in Ostasien. 1,4 Prozentpunkte davon führen Easterly und Levine auf die Sprachverwirrung zurück.

          Wer nicht die gleiche Sprache spricht, handelt seltener miteinander

          Ginsburgh und Weber müssen aber nicht nach Afrika gehen - auch in Europa kostet die Sprachvielfalt gegenseitiges Verständnis, Wohlstand und Geld. Filme müssen synchronisiert werden, Bücher übersetzt - und verlieren dabei immer einen Teil ihres ursprünglichen Charmes. Wer nicht die gleiche Sprache spricht, handelt seltener miteinander - und tauscht sich weniger aus. Gerade dieser Tage würden viele Griechen, Spanier oder Italiener gerne nach Deutschland kommen, um zu arbeiten - wissen aber auch, dass sie ohne Sprachkenntnisse keine Chance haben.

          Nur ein kleiner Teil der Menschen besucht dann auch einen Sprachkurs. Dabei lohnt sich das oft schon, wenn man gar nicht umziehen will. Wer zum Beispiel in einem europäischen Land Englisch lernt, bekommt allein dadurch im Durchschnitt 5 bis 15 Prozent mehr Gehalt - auch das hat Victor Ginsburgh ausgerechnet. Die beiden Buchautoren zeigen aber auch, dass die Einheitssprache nicht immer alles ist. Oft täuscht die Sprache gegenseitiges Verständnis vor, zum Beispiel zwischen Briten und Amerikanern, die manchmal unterschiedliche Dinge meinen, wenn sie die gleichen Wörter benützen. Für diese einleuchtende These haben die beiden Autoren ausnahmsweise keine Zahlen, nur ein Zitat von dem Philosophen Bertrand Russell: "Es ist ein Unglück für die englisch-amerikanische Freundschaft, dass man von einer gemeinsamen Sprache der beiden Länder ausgeht."

          Dafür können die Autoren zeigen, wie kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit den Wohlstand vergrößern. Ginsburgh und Weber zitieren Studien, nach denen Firmen mehr Gewinn machen, wenn sie Leute mit unterschiedlichen Sprachen beschäftigen. Das Ganze funktioniert auch in größerem Maßstab, zumindest in entwickelten Demokratien: San Francisco beispielsweise, das Tor zum innovativen "Silicon Valley", hat einen Sprachmix wie Pakistan. Und prosperiert ganz ordentlich. Das Silicon Valley ist nicht mal ein Sonderfall. Eine Untersuchung von zwölf amerikanischen Großstädten zeigt: Wo es mehr unterschiedliche Sprachen gibt, dort sind auch die Löhne höher - im Extremfall um 30 bis 40 Prozent.

          All diese Erkenntnisse bringen die Autoren zusammen in der Frage, wie viele unterschiedliche Sprachen in der EU-Verwaltung gesprochen werden sollten. Die vielen Sprachen kosten richtig Geld: Mehr als eine Milliarde Euro im Jahr wird allein für die Übersetzungen in der EU-Verwaltung gebraucht. Und wer ein EU-Patent anmelden möchte, muss die Anmeldung in alle Sprachen übersetzen - das allein kostet im Schnitt 13 600 Euro, so viel wie die Anmeldung eines Patents in Amerika für 20 Jahre. Gleichzeitig werden aber mit jeder Sprache, die aus dem Kanon der EU gestrichen wird, Bürger abgehängt - weil ihnen keine Sprache mehr übrig bleibt, um sich an die EU-Verwaltung zu wenden.

          Ginsburgh und Weber berücksichtigen die Fremdsprachenkenntnisse in der EU, die Einstellungen der EU-Bürger zu einer einsprachigen EU in den unterschiedlichen Ländern (70 Prozent der Polen sind dafür, aber nur 34 Prozent der Bulgaren) und die Abstimmungsregeln der Europäischen Union. So kommen sie auf eine Gruppe aus sechs Arbeitssprachen, die für die EU wünschenswert und machbar wäre: Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Polnisch. Und weil sie Ökonomen sind, bieten sie auch gleich ein Schema an, nach dem die Übersetzungsersparnisse auf die dann benachteiligten Länder aufgeteilt werden könnten.

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