https://www.faz.net/-gqe-11q2t

Der Volkswirt : Gefangen in der Formelwelt

Bild: Peter v. Tresckow

Wer heute als Ökonom etwas gelten will, der muss vor allem ein tüchtiger Rechenkünstler sein. Mit immer stärkerer Mathematisierung wollte die Ökonomik einen höheren Grad an Wissenschaftlichkeit erreichen. Kritiker sprechen aber von einer Mathematik-Manie. Ordnungsfragen werden vernachlässigt.

          Wer heute als Ökonom etwas gelten will, der muss vor allem ein tüchtiger Rechenkünstler sein. Er muss sich in der höheren Mathematik bewegen wie ein Fisch im Wasser und die Wirtschaftswelt in Formeln und abstrakte Modelle einpassen. Damit hat sich die Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer stärker zu einer mathematischen Disziplin entwickelt. An den Rand gedrängt wurde die ältere ordnungsökonomische Schule, die in Deutschland einst bedeutend war und die nach den Zusammenhängen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft fragte, dabei aber auf Formeln verzichtete und verbal argumentierte.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          "Die Mathematik hat die Funktion, die Kommunikation der Ökonomen untereinander zu erleichtern, sie ist eine Form, zu sprechen und sich auszutauschen", sagt der in Oxford lehrende Finanzwissenschaftler Clemens Fuest. Er erkennt an, dass die ordnungspolitische Schule wichtige Fragen gestellt habe. Ihr habe jedoch das nötige Instrumentarium für die wissenschaftliche Analyse und Argumentation gefehlt. Die mathematisch-formalistische Ökonomik bringe mehr Klarheit und Präzision mit sich. Sie sei wissenschaftlicher, da sie - anders als die ältere, verbal argumentierende Ökonomik - den Forscher dazu zwinge, alle Annahmen, die seiner Argumentation zugrunde liegen, offenzulegen.

          Französische Studenten protestierten gegen „autistische Ökonomik“

          Zur Theorie komme dann die Empirie: Mit Hilfe ausgefeilter statistischer Methoden lassen sich Thesen in nachvollziehbarer Weise quantitativ überprüfen, erhärten oder verwerfen - so die Hoffnung und das Versprechen der modernen Ökonomik.

          Allerdings gibt es ein zunehmendes Unbehagen an der starken Mathematisierung. Der Soziologe und Ökonom Viktor Vanberg von der Universität Freiburg erinnert an den Massenprotest französischer Studenten vor einigen Jahren, die sich gegen eine "autistische Ökonomik" wandten. Die mathematische Formalisierung sei Selbstzweck geworden, beklagten sie. Es würden imaginäre Welten modelliert, die mit ihrer Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemein hätten. Auch in Amerika gibt es kritische Stimmen. So hat der Princeton-Ökonom Alan Blinder beklagt, dass "die Umarmung der Mathematik erst in Anbetung und dann in eine Manie umgeschlagen" sei. Große Teile der Ökonomik präsentierten sich heute zwar elegant, aber zu selbstbezogen und zu wenig auf Beobachtung gestützt.

          „Die moderne Ökonomik ist krank“

          Noch härter drückt es der Theoriegeschichtler Mark Blaug aus: "Die moderne Ökonomik ist krank." Sie sei zu einem intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt werde, aber nur wenig praktische Bedeutung für das Verständnis der Welt liefere. Der Nobelpreisträger Ronald Coase äußerte ähnlich harsch: "Die heutige Ökonomik ist ein theoretisches Spiel, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wird er der nächste Tory-Vorsitzende? Boris Johnson bei einem Fototermin in einer Baumschule

          Wahl zum Tory-Parteichef : „Boris gewinnt ja sowieso“

          Die 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei wählen gerade den nächsten britischen Premierminister. Sie sind alt, melancholisch und ein bisschen rebellisch – und sehnen sich nach der guten alten Zeit.
          Von ihren Soldaten hat sie sich verabschiedet. Was folgt für Ursula von der Leyen (CDU)?

          FAZ Plus Artikel: Ursula von der Leyen : Wenn Weber es kann

          Ursula von der Leyens Rücktritt ist ein geschickter Zug. Doch wird es für sie reichen? Die SPD erweist sich weiter als führungs- und orientierungslos.
          Roger Federer nach seiner Niederlage am Sonntag in Wimbledon

          Tennis-Ikone : Wie Roger Federer zum erfolgreichen Unternehmer wurde

          Roger Federer zählt zu den Spitzenverdienern in der Welt. Daran ändert auch die Niederlage in Wimbledon nichts: Denn so erfolgreich wie auf dem Platz ist der Schweizer auch in geschäftlichen Dingen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.