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Der Sonntagsökonom : Oma ihr klein Häuschen

Hat Oma ein Häuschen zu vererben oder nicht? Für den Weg ins Leben ist das nicht unwesentlich. Bild: Frank Röth

Ist es gerecht, dass manche mit einem Erbe ins Leben starten und andere mit nichts?

          Die moderne Gesellschaft versteht sich gerne als Meritokratie. Diejenigen, die etwas leisten, heißt das, sollen es in ihr zu mehr bringen als die anderen. Nur Leistungsunterschiede rechtfertigen Unterschiede in den Positionen, im Einkommen, in den Karrieren.

          Eine solche Erwartung ist natürlich sehr anfällig für Enttäuschungen. Denn wie leicht spielt nicht doch etwas anderes als Fähigkeiten eine Rolle, wenn Löhne und Gehälter festgelegt werden oder es darum geht, ob die eine oder der andere befördert wird. Was heißt im Einzelfall überhaupt „Leistung“? Und wie oft beruhen nicht die Fähigkeiten und die Leistungen ihrerseits auf hilfreichen Umständen, die den einen, aber nicht die andere begünstigten. Wer leistet schon, was er leistet, ganz allein aufgrund eigenen Vermögens?

          Kontroverse um unverdientes Vermögen

          Was zu einer solchen, sich meritokratisch verstehenden Gesellschaft jedoch am allerwenigsten passt, sind Erbschaften. Das gilt für Herkunftsunterschiede ganz allgemein, von denen erwartet wird, dass sie schon in den Schulen und im Berufsleben keine Rolle spielen sollen. Das gilt aber insbesondere für vererbtes ökonomisches Vermögen. Denn wenn die Eltern unterschiedlich erfolgreich waren, warum sollte das zu ungleichen Startchancen der Kinder führen? Der Norm – manche würden sagen: der Ideologie –, jeder könne in einer Leistungsgesellschaft seines Glückes Schmied sein, widerspricht es, so gesehen, dass manche schon von Geburt an und noch mehr nach dem Ableben der Eltern ganz ohne eigenes Zutun mit einem ganzen Arsenal an Hämmern ausgestattet werden.

          In einem interessanten Band mit gut lesbaren sozialwissenschaftlichen Beiträgen zu Fragen sozialer Gerechtigkeit haben gerade der Soziologe Jens Beckert und der Ökonom Thomas Straubhaar eine kleine Kontroverse über die Frage des unverdienten Vermögens ausgetragen. Darin fordert der Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung „Besteuert die Erben!“, worauf der ehemalige Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts „Hände weg vom Erbe!“ mahnt.

          Erbschaften, so Beckert, würden in Deutschland so gut wie nicht besteuert. Auf geschätzte 200 Milliarden Euro Privatvermögen, das jährlich vererbt wird, kommen – auch durch Steuervermeidung und politisch gewollte Freibeträge – fiskalische Einnahmen von gut vier Milliarden Euro an Erbschaftssteuer: zwei Prozent. Die Anwendung des Spitzensteuersatzes auf Einkommen (45 Prozent) würde darum genügen, die Gesellschaft gerechter zu machen. Denn mit den entsprechenden Einnahmen ließen sich ungerechtere, weil Leistungen betreffende Steuern auf Arbeit reduzieren.

          Sind die Leute in Steuerfragen irrational?

          Allerdings weisen Umfragen darauf hin, dass viele Bürger eine erhöhte Erbschaftssteuer auch dann nicht bejahen, wenn sie selbst die Leidtragenden in Form höherer Einkommensteuern sind und ihrerseits gar keine großen Erbschaften in Aussicht haben. Sind die Leute also ausgerechnet in Steuerfragen irrational?

          Dem Soziologen kommt es so vor. Zum einen wüssten viele der Befragten gar nicht, wie ungleich die Erbschaften verteilt sind. Zum anderen fallen sie – Beckert hat vor allem die Vereinigten Staaten im Blick – leicht auf eine Politik herein, die im Interesse einflussreicher Lobbys Erbschaftssteuern als unattraktiv auch für die Mittelschichten darstelle.

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