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Der letzte Generalist : Wirtschaftsnobelpreisträger Samuelson gestorben

Paul Samuelson Bild: AP

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Samuelson ist tot. Er starb im Alter von 94 Jahren. Samuelson hatte 1970 als erster amerikanischer Ökonom den Nobelpreis erhalten. Er galt als einer der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts.

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          „Es ist mir egal, wer die Gesetze einer Nation schreibt - solange ich die Wirtschaftslehrbücher schreiben kann“, hat Paul Samuelson einmal gesagt. Sein Lehrbuch „Economics“, erstmals 1948 veröffentlicht und noch heute ein Bestseller, hat Generationen von Studenten und Politikern geprägt. Nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt. Samuelson war der wohl entscheidende Popularisierer der Ideen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Zugleich hat Samuelson die Wirtschaftswissenschaften mit seiner Dissertation „Foundations“ (1941) auf eine neue, mathematische Grundlage gestellt. Ohne ihn sind breite Teile der modernen Ökonomie kaum denkbar. Davon zeugen auch die respektvollen Reaktionen auf die Nachricht, dass Samuelson am Sonntag in seinem Haus in Belmont (Massachusetts) im Alter von 94 Jahren verstorben ist.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Er war ein Mann wie kein anderer, universell gebildet, äußerst produktiv, humorvoll und klug“, erinnert sich der Kölner Ökonom Carl Christian von Weizsäcker, der Samuelson vor fast fünfzig Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) kennenlernte. Viele Weggefährten heben seine menschlich angenehme Art hervor. Auch mit Gegnern pflegte Samuelson einen fairen Umgang. So war er mit Milton Friedman, seinem ärgsten Konkurrenten, trotz aller Differenzen gut befreundet. „Dass wir uns in der Ökonomie - anders als in vielen Sozialwissenschaften - nicht bis aufs Blut bekämpfen, sondern anerkennen, was legitime Argumente sind, und diese mathematisch überprüfen“, sagt Weizsäcker, „das ist Samuelsons großes Verdienst.“

          Sein Lehrbuch machte ihn reich

          Geboren wurde Paul Anthony Samuelson am 15. Mai 1915 als Sohn eines Apothekers in Gary, einer Industriestadt im Bundesstaat Indiana nicht weit weg von Chicago. Nach 1929 brach die örtliche Stahlindustrie ein. Die Massenarbeitlosigkeit und das Elend der Großen Depression prägten Samuelson. Gerade hatte er an der Universität von Chicago zu studieren begonnen und hörte die legendären Professoren Frank Knight, Jacob Viner und Henry Simons. Aber ihre liberale wirtschaftspolitische Position überzeugte ihn nicht. Der Staat müsse viel stärker eingreifen, um die Konjunktur in Schwung zu bringen, war Samuelson überzeugt.

          Die dazugehörige Theorie lieferte Keynes. Dessen „General Theory“ von 1936 habe die Ökonomen seiner Generation „mit der unerwarteten Wucht einer Krankheit gepackt, die erstmals einen isolierten Stamm von Südseeinsulanern angriff“, schrieb Samuelson über das Konversionserlebnis, das ihn ereilte, als er von Chicago nach Harvard gewechselt war. Keynes' Buch sei zwar „arrogant, übelgelaunt, polemisch, es wimmelt von Schwindeleien und Verirrungen“, gab Samuelson zu. „Doch um es kurz zu machen: Es ist das Werk eines Genies.“ Der junge Amerikaner arbeitet nun daran, aus der verwirrenden keynesianischen Theorie eine handhabbare Version zu formen. Dies gelang ihm mit „Economics“.

          Nicht nur begründete dieses Lehrbuch Samuelson (populär-)wissenschaftlichen Ruhm, es machte ihn auch reich. „Er ging zum Verlag McGraw-Hill“, erzählt Weizsäcker, „und sagte: ,Die ersten 100 000 Exemplare könnt ihr ohne Honorar verkaufen; von allem, was darüber hinausgeht, bekomme ich 20 Prozent.' Das war sehr viel für Autoren.“ Bei einer Auflage, die bald mehrere Millionen überstieg, flossen die Tantiemen reichlich. Samuelson legte das Geld in Aktien an, die in den fünfziger Jahren stark stiegen. Finanziell war er ein gemachter Mann. Auch akademisch ging es steil bergauf: Samuelson erwies sich rasch als ökonomisches Wunderkind, das seine Lehrer in Harvard, etwa Joseph Schumpeter, verblüffte und sogar einschüchterte.

          Von 1940 bis zu seiner Emeritierung 1986 lehrte er als Professor am MIT. Er wurde dort der prägende Geist und baute die technische Universität zu einer Bastion fortschrittlicher ökonomischer Forschung aus, indem er hochkarätige Kollegen anzog. Etwa Robert Solow, mit dem er eng zusammenarbeitete. Später verstärkten hochtalentierte Schüler wie Paul Krugman den Ökonomen-Kreis am MIT.

          Reagan empfand er als Zumutung

          Auch in der Politik wirkte Samuelson. Anfang der sechziger Jahren saß er im Council of Economic Advisors und gab Präsident John F. Kennedy private Nachhilfestunden in Ökonomie. Für seine zahlreichen wissenschaftlichen Beiträge - nicht nur zur Konjunkturpolitik, sondern vor allem zur Außenhandelstheorie, zur Finanzwissenschaft sowie zur Kapitalmarkttheorie - erhielt er zahlreiche Ehrungen. Die Krönung war 1970 der im Jahr zuvor erstmals vergebene Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Er habe „große Teile der Wirtschaftswissenschaften umgeschrieben“, würdigte das Stockholmer Nobelkomitee.

          Über Jahre schrieben Samuelson und Friedman, der 1976 den Nobelpreis bekam, im wöchentlichen Wechsel eine Kolumne für die Zeitschrift „Newsweek“, die zeigt, wie spritzig und witzig amerikanische Ökonomen argumentieren können. Dass seine keynesianische Denkrichtung seit den siebziger Jahren zunehmend ins Hintertreffen gegenüber den Monetaristen um Friedman geriet, bekümmerte ihn. Die Reagan-Jahre empfand er als Zumutung. In der Finanzkrise sah Samuelson nun den Beleg, dass seine Warnungen vor zu viel Deregulierung begründet waren; außerdem stellte er mit Genugtuung fest, dass der Staat wieder stärker in die Wirtschaft eingriff.

          Auch im hohen Alter bliebt Samuelson ein streitbarer Wissenschaftler, der sich gerne einmischte. Vor fünf Jahren überraschte er Kollegen und Schüler, etwa den Freihandelstheoretiker Jagdish Bhagwati, mit kritischen Anmerkungen zur Globalisierung. Diese schade der amerikanischen Industrie, schrieb Samuelson, der sein ökonomisches Denken sonst gerne bis zu David Ricardo zurückführt. Samuelson, der aus seiner ersten Ehe sechs Kinder hat, war der letzten Generalist der Ökonomie.

          Weniger Wochen vor seinem Tod sagte er dazu: „Allein schon wegen der enorm gestiegenen Anzahl von Volkswirten an und außerhalb der Universitäten hätte ein junger Samuelson heutzutage keine Chance, ein derartiger Universalist zu sein, wie ich es war.“

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