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Der "Homo oeconomicus" und die Moral : Das Wunder der Ehrlichkeit

  • -Aktualisiert am

Am Telefon wird der Lüge häufiger geglaubt Bild: Dieter Rüchel

Ökonomen haben sich ein recht schlichtes Bild vom Menschen gemacht: strikt rational und stets auf den eigenen Nutzen bedacht. Damit lässt sich manches erklären. Dem Phänomen der „Ehrlichkeit“ aber ist so kaum beizukommen. Experimente zeigen: Menschen betrügen seltener als sie könnten. Es sei denn, sie verhandeln am Telefon.

          Als die Liechtensteiner Steueraffäre im vergangenen Februar ans Licht kam, hat das die gewöhnlichen Menschen aufgewühlt. Lug und Trug in der Mitte des Landes, in der deutschen Wirtschaftselite! Geschäftsleute und hochrangige Manager, die Hunderte Millionen Euro am Staat vorbeischaffen, ins Ausland! Wie konnte das passieren

          Ökonomen waren nicht erstaunt. Die Anhänger der reinen Lehre sehen es so: Es gibt einen Anreiz, Steuern zu hinterziehen (mehr Geld auf dem Konto), also werden auch Steuern hinterzogen – es sei denn, die Entdeckungswahrscheinlichkeit und die mögliche Strafe sind sehr hoch. Der Homo oeconomicus hat mit Moral oder Gesetzestreue nichts zu schaffen. Sein Verhalten ist streng egoistisch und rational. Ob im Schuhkauf oder in der Steuerhinterziehung – er wägt bei jeder Handlung ab: Wie hoch ist mein wahrscheinlicher Nutzen? Gegen: Wie hoch sind meine wahrscheinlichen Kosten? Ist der Nutzen höher, dann kauft er die Schuhe oder hinterzieht die Steuern.

          So weit, so bekannt – und so real. Denn Lügen und Betrügen ist allgegenwärtig im Wirtschaftsleben. Geschäftsleute fälschen Bilanzen. Konkurrenten sprechen heimlich Preise miteinander ab. Die freundliche Frau am Telefon, die „bloß eine Frage“ stellen will, belästigt den Angerufenen zwanzig Minuten mit ihrer Frageorgie. Und die Internetgeneration lädt sich fleißig im Internet illegal Musikstücke und Filme herunter.

          Im Labor untersucht: Lüge, Betrug und Ehrlichkeit

          Ökonomen sind verwundert, dass es überhaupt noch so viele Menschen gibt, die ihre Steuern korrekt zahlen, DVDs im Geschäft kaufen und ihrem Arbeitgeber nicht einmal einen Bleistift entwenden. Denn in all diesen Fällen ist die Entdeckungswahrscheinlichkeit äußerst gering, zum Teil auch die zu erwartende Strafe nicht gerade hoch.

          Mit der reinen Lehre ist dem Phänomen nicht beizukommen, entschieden einige Wirtschaftswissenschaftler. Deshalb erforschten sie die Lüge, den Betrug und die Ehrlichkeit durch Experimente. Dan Ariely und Nina Mazar von der Universität MIT haben einige der Ergebnisse zusammengefasst und Empfehlungen für die Politik ausgesprochen.

          Die erste wichtige Erkenntnis aus dem Labor: Menschen lügen und betrügen durchaus, wenn es ihnen nützt. Aber sie tun das selten im maximal möglichen Umfang. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, gleich null ist, entscheiden sich nicht alle für einen Betrug.

          Das innere Belohnungssystem belohnt Ehrlichkeit

          So berichten die Autoren von einem Experiment, in dem Studenten einen Fragebogen ausfüllen mussten. Je mehr richtige Antworten sie gaben, desto mehr Geld wurde ihnen am Schluss ausgezahlt. Doch es gab zwei Varianten des Experiments: In der einen wertete der Versuchsleiter die Fragebögen aus. In der anderen werteten die Teilnehmer ihre Antworten selbst anhand eines Lösungsbogens aus und gaben gegenüber dem Versuchsleiter später nur an, wie viel sie richtig beantwortet hatten. Wenig überraschend: Werteten die Teilnehmer ihre Fragebögen selbst aus, waren auf einmal viel mehr richtige Antworten dabei. Sie betrogen. Doch obwohl die Entdeckungswahrscheinlichkeit gering war, logen die Teilnehmer meist nur ein bisschen. Im Schnitt nutzten sie nur zwanzig Prozent ihres Spielraums nach oben. Interessant daran: Das Ausmaß der Unehrlichkeit stieg nicht, wenn die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung verringert wurde.

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