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Der Google-Indikator : Arbeitslosenzahlen aus der Suchmaschine

Will schneller sein als die Bundesagentur für Arbeit: Klaus Zimmermann Bild: ddp

Die Internetsuchmaschine Google drängt in immer mehr Lebensbereiche vor. Kann sie auch die Arbeitslosigkeit voraussagen? Das hofften Arbeitsmarktforscher - doch die Resultate enttäuschten.

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          Die Internetsuchmaschine Google drängt in immer mehr Lebensbereiche vor. Warum soll man diese Tatsache nicht nutzen, um die Entwicklung der Arbeitslosigkeit vorauszusagen? Das hat sich auch Klaus Zimmermann, der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, gedacht und zusammen mit dem Mathematiker Nikos Askitas den "Google-Indikator" entwickelt. Damit will Zimmermann schneller sein als die Bundesagentur für Arbeit. Wenn die Nürnberger Behörde am Monatsende den Überblick über die tatsächlich gezählten Erwerbslosen gibt, soll der Indikator schon die Arbeitslosenquote für den kommenden Monat benennen können. Wenn die Bundesagentur an diesem Donnerstag die Juli-Zahlen vorlegt, gibt Zimmermann die auf Google gestützte Augustschätzung ab.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die bisherigen Ergebnisse sind jedoch noch nicht überzeugend. Während die Arbeitslosenquote von Mai auf Juni um 0,1 Prozentpunkt auf 8,1 Prozent nur leicht sank, hatte die Google-Prognose einen viel stärkeren Rückgang auf 7,5 bis 7,7 Prozent vorhergesagt. "Damit bewegt sich der Google-Indikator weiterhin oberhalb der Prognosegenauigkeit vieler anderer Indikatoren", lautet Zimmermanns Rettungsversuch, "und das in prognosetechnisch schwierigen Zeiten." Vor dem Spott der Wettbewerber schützt der Hinweis aber nicht.

          Rückschlüsse aus der Häufigkeit bestimmter Suchanfragen

          In einem internen Papier der Bundesagentur wird kaum ein gutes Haar am Google-Indikator gelassen. Mit einem simplen Vergleichswert, nämlich der linearen Fortschreibung des Trends unter Aufschlag der saisonalen Veränderung, ließen sich schon "bessere Ergebnisse" erzielen als mit Zimmermanns Modell, heißt es dort. Die Daten belegen dies.

          Grundsätzlich wird in Frage gestellt, ob ein ausreichend enger Zusammenhang zwischen Daten und Prognosefähigkeit besteht. Dabei klingt Zimmermanns Annahme doch zunächst ziemlich einleuchtend: Wer von Arbeitslosigkeit betroffen ist oder bald sein könnte, der sucht im Internet nach einer neuen Stelle und verwendet dabei bestimmte Schlagworte. Aus der Häufigkeit dieser Suchanfragen lassen sich deshalb Rückschlüsse auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt schließen. Und wer könnte Daten schneller liefern als die mehr als 30 Millionen Google-Nutzer in Deutschland mit ihren rund 100 Millionen Suchanfragen jeden Tag, die dem Unternehmen einen gigantischen Marktanteil von 90 Prozent verschaffen? Zimmermann, der angesichts der Hilflosigkeit der klassischen Ökonomie nach der Verschärfung der Wirtschaftskrise im vergangenen Herbst sogar für ein allgemeines Prognose-Moratorium warb, wirbt seitdem dafür, die Methodik an aktuelle Veränderungen anzupassen - auch wenn der Google-Indikator die klassischen ökonometrischen Modelle nicht ersetzen werde.

          Dass die neue Internetmethode Wendepunkte einer Entwicklung besser voraussagen kann als herkömmliche Prognosen, genau diesen Beweis hat sie bislang nicht angetreten. Im vergangenen Februar etwa lagen die Zimmermann-Schätzungen weit von der tatsächlichen Entwicklung entfernt, während die einfache Vorhersage der Bundesagentur den exakten Wert traf. "Generell stellt sich die Frage, ob im Laufe der Zeit nicht bestimmte Suchbegriffe ihre Bedeutung für die Prognose verlieren oder erst noch gewinnen", heißt es in der Stellungnahme, in der das Beispiel der seit Jahresbeginn weitverbreiteten Kurzarbeit angeführt wird. Insofern dürfte sich die wahre Güte des Modells in den kommenden Monaten erweisen.

          „Keine zuverlässige Methode“

          Der nächste Prüftermin folgt am 30. Juli, wenn die Bundesagentur die amtlichen Zahlen des Monats bekanntgeben wird. Der Google-Indikator sagt einen Anstieg der Quote um 0,4 Punkte voraus. Das wäre für den Ferienmonat Juli allerdings eine normale Entwicklung. Kurz vorher wird das IZA dann aber schon die Prognose für den August bekanntgeben. Der Herbst dürfte dann ein echter Härtetest werden, da viele Beobachter davon ausgehen, dass die Unternehmen bei anhaltender Auftragsflaute dann von der Kurzarbeit abrücken und sich von Mitarbeitern trennen werden.

          Auch wenn die Spezialisten der Bundesagentur zu dem klaren Ergebnis kommen, dass der Google-Indikator in seiner jetzigen Form "keine zuverlässige Methode" darstellt, dürfte die Annäherung der Wissenschaft an die Suchmaschinendaten erst am Anfang stehen. Im Münchner Ifo-Institut heißt es zumindest, die neue Methode sei "ein interessanter Ansatz", dessen Qualität man bisher aber nicht überprüft habe. Und auch die Bundesagentur selbst hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Google-Daten in anderen Fällen für Prognosen und Schätzungen von Variablen interessant sein können.

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