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Ein Lob : Die Egoisten retten die Welt

Also gab sich die Schulbehörde neue Regeln zur Schüler-Verteilung, die den Egoismus aller Beteiligten nutzten. Die Behörde stellte sicher, dass jeder Schüler an seine bevorzugte Schule kam, wenn die ihn nur annehmen wollte. Die Schulen wiederum konnten sich keine besseren Schüler mehr verschaffen, indem sie der Schulbehörde freie Plätze verschwiegen. Der Erfolg war sofort sichtbar. Im ersten Jahr, in dem die neuen Regeln galten, sank die Zahl der übriggebliebenen Schüler von 30.000 auf 3000.

Verlange nie, dass die Leute gegen ihre Interessen handeln

Für diese Reform hatte die Schulbehörde einen Berater. Er heißt Al Roth und hat vor einem Jahr für diese Idee und für einige andere aus dieser neuen Disziplin, dem „Marktdesign“, den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Roth hat ein Berufsleben lang darüber nachgedacht, welche Regeln dauerhaft funktionieren. Einer seiner wichtigsten Grundsätze heißt im Wissenschaftlerdeutsch „Anreizkompatibilität“ - auf Deutsch: Verlange nie, dass sich die Leute gegen ihre eigenen Interessen entscheiden. So wird der Egoismus zur gesunden Triebfeder. Denn dass die Leute ihre eigenen Interessen vorantreiben, darauf kann man sich verlassen.

Auch moderne deutsche Ethiker erkennen immer häufiger die Tugend am Eigennutz. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Philosoph Karl Homann eine ganze ethische Schule gegründet, die im Kern sagt: Wenn etwas moralisch Fragwürdiges passiert, dann sind nicht die Leute schuld, solange sie sich an die Regeln gehalten haben. Sondern dann müssen die Regeln geändert werden.

Dafür haben Homann und seine Schüler drei Gründe: Erstens gibt es in großen Gesellschaften sowieso viele unterschiedliche Vorstellungen davon, was moralisch richtig und was überegoistisch ist. Zweitens werden in großen Gesellschaften die Interaktionen anonymer, das verhilft dem Egoismus ans Licht. Und drittens ist viel zu oft der Ehrliche der Dumme. Wenn ein Unternehmer mehr Steuern zahlt, als das Gesetz gerade so vorschreibt, dann hat er immer einen Nachteil gegenüber denen, die ihre Steuern nicht zahlen. Wenn dann das gute Unternehmen irgendwann schließen muss, dann hat auch niemand etwas davon.

Wo ein Staat seine Regeln aber so gestaltet, dass sie auch für die egoistischsten Leute funktionieren - da bricht nichts mehr zusammen, wenn einer zu schwach zum Altruismus war. Da sind die Menschen nicht ständig zwischen Eigeninteresse und Freundlichkeit hin und her gerissen. Und da ist der Ehrliche nicht der Dumme, sondern der Unfreundliche hat keinen Vorteil.

In diesem Jahr erst hat Homanns Schüler Christoph Lütge ein kleines Taschenbuch veröffentlicht, in dem er das theoretische Prinzip in die Praxis bringt. Gesundheit, Bildung, Hunger - wenigstens ein erster Schritt gegen die Probleme der Menschheit findet sich fast immer, wenn man nur den Egoismus ernst nimmt.

Was ist zum Beispiel mit all den gierigen Leuten, die auf wertvollen Ackerflächen aus Egoismus und Profitgier Raps für Biosprit anbauen und so nach landläufiger Meinung den Hunger auf der Welt vergrößern? Der erste Schritt ist gar nicht so kompliziert. Wenn der Staat aufhören würde, den umwelttechnisch umstrittenen Biosprit an der Tankstelle zu fördern - dann gäbe es mit Biosprit weniger zu verdienen, und der Egoismus würde ganz von selbst wieder zu mehr Getreideanbau führen.

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