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Ein Lob : Die Egoisten retten die Welt

Inzwischen stellen noch mehr Verhaltensforscher fest: Der Altruismus aus ihren Versuchslaboren ist ziemlich schwach und verschwindet schnell, wenn die Versuche realistischer werden. Wenn nicht einer allein entscheidet, was er abgibt, sondern zwei Leute ein Diktator-Team bilden und gemeinsam nachdenken - dann sind die zwei zusammen viel unfreundlicher als einer allein.

Noch deutlicher wird das, wenn die Leute für ihr Geld arbeiten müssen oder wenn sie irgendeinen anderen Grund finden, mit dem sie das Geld für sich rechtfertigen können - schon vergessen sie das Teilen und halten andere Prinzipien hoch. Die Menschen sind da erstaunlich flexibel: Sie mögen immer das Moralprinzip, das ihnen selbst gerade am meisten Geld bringt. Mancher Hirnforscher glaubt inzwischen, dass den Menschen ihr Eigennutz oft gar nicht bewusst ist. Messbar ist er trotzdem.

Der Eigennutz ist wieder da - und das ist gut so

Schlagartig ist der Egoismus wieder da, und zwar lebendiger als je zuvor. Er ist keine schlechte Angewohnheit mehr, die man überkommen muss. Plötzlich ist der Egoismus wieder die zentrale Triebfeder des Menschen.

Und was jetzt? Ist die Menschheit ob des schrecklichen Egoismus zum Untergang verdammt? Weit gefehlt. Gerade der Egoismus kann das Zusammenleben in der Gesellschaft erfolgreich machen. Selbst der Aufklärer Immanuel Kant, der große Gegner des Egoismus, sagt: „Das Problem der Staatserrichtung ist, so hart wie es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben) auflösbar.“

So nutzten die New Yorker Schulen den Eigennutz

Das muss man nicht 300 Jahre alten Philosophen glauben, dazu reicht auch ein Blick nach New York. Am besten auf die Schulbehörde, die jedes Jahr rund 100.000 Schüler auf 500 Schulen verteilen muss. Es geht um die Zukunft der Kinder, und da fährt jeder seinen ganzen Egoismus aus. Die Schüler, die schon ein Angebot haben, halten ihre Schule hin und hoffen noch auf ein besseres Angebot, nur um dann kurzfristig abzusagen. So verzögern sie die ganze Zuteilung. Die Schulen aber sind nicht besser: Sie täuschten die Schulbehörde systematisch darüber, wie viele Plätze sie frei hatten. Fast immer lügen sie ihre Kapazitäten kleiner. Am Ende findet ein Drittel der Schüler keinen Platz in der Lieblingsschule und wird mehr oder weniger zufällig dorthin verteilt, wo noch Platz ist. So ging es jahrelang.

Da könnten Weihnachtsredner Egoismus und Unehrlichkeit geißeln. Sie könnten den Schülern ein schlechtes Gewissen machen, weil die sich mit ihrer Entscheidung nicht genug beeilen. Sie könnten die Schulleiter an den Pranger stellen, weil die falsche Zahlen nennen. Aber die New Yorker Schulbehörde machte es anders. Sie nahm den Egoismus von Schülern und Schulen nicht nur hin, sie nutzte ihn.

Warum waren Schüler und Schulen so unfreundlich? Es war das Verteilsystem, das sie dazu trieb. Das war so vertrackt gebaut, dass es die Schüler zum Pokern geradezu nötigte. Wer auf die beste Schule wollte, konnte gar nicht freundlich sein. Und wenn Schulen die besten Schüler bekommen wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich einige Plätze für eine Nachbesetzung offenzuhalten.

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