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Coco-Bonds : Banken retten - leichtgemacht

Im vergangenen Herbst hat die Lloyds Bank in England als erster großer Emittent Coco-Bonds auf den Markt gebracht Bild: AFP

Seit der Finanzkrise streitet die Welt darüber, wie man Banken künftig besser reguliert, so dass sie nicht in Insolvenzgefahr geraten. Eine Einigung scheint kaum in Sicht, doch es gibt eine Idee, die viele Experten unterstützen: „Coco-Bonds“ - eine neue Art von Wertpapier zwischen Aktie und Anleihe.

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          Schon seit mehr als einem Jahr streitet die Welt darüber, wie man Banken künftig besser reguliert, so dass sie nicht in Insolvenzgefahr geraten. Eine Einigung scheint kaum in Sicht, denn jeder hat andere Ansichten und andere Vorschläge. Doch es gibt eine Idee, die fast alle Experten unterstützen. Krisenprophet Robert Shiller lobt sie als "wichtig", Regulierungsexperte Raghuram Rajan macht sich dafür stark, und "Squam Lake", eine prominent besetzte Gruppe von Finanzexperten, hat gar ein eigenes Konzept dafür ausgearbeitet.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das rettende Instrument sollen "Coco-Bonds" sein, eine neue Art von Wertpapier zwischen Aktie und Anleihe. Diese Papiere sind auf Anhieb nicht ganz einfach zu verstehen, aber sie könnten eines der größten Probleme der Bankenrettung lösen: das des "Moral Hazard", der fehlgeleiteten Anreize. Dieses Problem entsteht dadurch, dass nicht alle Verursacher einer Bankenkrise einen Beitrag zur Rettung maroder Banken zahlen.

          Im Ernstfall droht die Umwandlung in Aktien

          Zwar beteiligt sich der Staat mit Steuergeld, der Aktionär mit hohen Kursverlusten und einem Verzicht auf Firmenanteile sowie mancher Manager, der auf Teile seines Gehalts verzichtet. Aber eine Gruppe von Beteiligten muss meist keinen Verlust tragen: die Gläubiger der Bank.

          Dabei sind auch sie schuld daran, dass die Bank in ihre schwierige Situation gekommen ist. Hätten sie sich die verschuldeten Geldhäuser genauer angesehen und für Kredite höhere Zinsen verlangt, hätten die Banken vermutlich weniger Schulden gemacht. Stattdessen vergaben die Kreditgeber sorglos Kredite zu Dumpingzinsen - im Vertrauen darauf, dass der Staat wegen des systemischen Risikos schon keine große Bank in die Pleite schicken würde.

          Woher aber kommt das systemische Risiko? Zu einem großen Teil von den Gläubigern. Es sind Versicherungen und andere Banken, die maroden Banken Kredite geben. Bekommen sie ihr Geld nicht zurück, dann können auch sie in die Knie gehen. Es droht eine fatale Kettenreaktion. Deshalb wurden die Gläubiger bisher meist nicht an den Kosten der Bankenrettung beteiligt. Umso größer ist die Versuchung, sich beim nächsten Mal wieder auf den Staat zu verlassen.

          Es scheint, als ließe sich dieses Problem kaum lösen. Doch die "Coco-Bonds" scheinen es zumindest zu verringern. Vollständig heißen sie "Contingent Convertible Bonds", auf Deutsch: Anleihen, die unter bestimmten Bedingungen umgewandelt werden.

          Die Umwandlung ist der neue Trick. In normalen Zeiten sind die Anleihenbesitzer Gläubiger der Bank. Wenn es der Bank besonders schlecht geht und die Zahlungsunfähigkeit droht, werden aber die Coco-Bonds automatisch zu Aktien. Dadurch verkleinert sich die Kreditlast der Bank, und sie bekommt gleichzeitig neues Eigenkapital. So muss sie von niemandem mehr gerettet werden. In diesem Moment steuern die Gläubiger ihren Teil zur Rettung bei: Sie werden zu Miteigentümern und übernehmen das künftige Risiko.

          Als einer der Ersten kam Mark Flannery auf diese Idee, ein Ökonom von der Universität Florida. In der Finanzkrise nahm die Arbeitsgruppe seine Idee auf. Die britische Lloyds-Bank probierte das Konzept einmal aus und verkaufte im Herbst Anleihen dieser Art - sie waren bei Käufern recht beliebt. Weil diese ein höheres Risiko tragen, musste die Bank allerdings knapp zwei Prozentpunkte mehr Zinsen auf diese Anleihen bieten.

          Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein

          Den Vorstellungen der Expertengruppe zufolge sollen künftig alle Banken verpflichtet werden, einen gewissen Teil ihres Geldes über solche Anleihen einzuwerben. Zu Aktien werden diese Anleihen dann, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Erstens muss die Regulierungsbehörde formell feststellen, dass sich das ganze Banksystem in einer Krise befindet. Zweitens muss die Bank selbst in einer schlechten Lage sein, zum Beispiel weil ihr Eigenkapital unter einen kritischen Wert gefallen ist.

          Mit der ersten Bedingung will die Expertengruppe verhindern, dass ein größerer Verlust einer einzelnen Bank sogleich die Anleihen umwandelt. Mit der zweiten will sie Regulatoren helfen, auch in schlechten Zeiten den Mut zum Ausruf der systemischen Krise aufzubringen - schließlich müssen gute Banken ihre Anleihen trotzdem nicht umwandeln. Sobald es der Bank bessergeht, muss sie neue derartige Anleihen ausgeben.

          Einige Fragen sind allerdings noch offen. Zum Beispiel die wichtige Frage, wie viele Aktien die Anleihebesitzer bei der Umwandlung bekommen. Die Expertengruppe "Squam Lake" schlägt vor, dass diese Zahl von vornherein festgelegt wird. Der Haken: Bei der Umwandlung sind diese Aktien wahrscheinlich nur noch wenig wert, schließlich steckt die Bank in Schwierigkeiten. Dann bekämen die Gläubiger bei der Umwandlung nur einen kleinen Gegenwert und müssten sofort hohe Verluste tragen - das würde die Gläubiger möglicherweise wieder in Schwierigkeiten bringen und die Behörden davon abhalten, die Umwandlung auszulösen. Der Ökonom Mark Flannery sähe es deshalb lieber, wenn die Zahl der Aktien erst bei der Umwandlung festgelegt wird - und zwar so, dass die Ersatzaktien dann so viel wert sind wie der ursprüngliche Kredit. In diesem Fall hätten aber die Besitzer der Coco-Bonds einen Anreiz, gegen die Aktien einer maroden Bank zu spekulieren, um deren Kurs zu drücken und bei der Umwandlung mehr Aktien zu bekommen.

          Ein anderer Einwand kommt von den Regulierungsbehörden: Sie haben Angst, dass die Umwandlung erst das Augenmerk auf die Schwierigkeiten einer Bank lenkt. Das beschert der Bank nicht nur mehr Kapital, sondern auch panische Aktionäre. Was wichtiger ist, ist nicht ganz klar. Doch dieses Problem lässt sich auch mit anderen Rettungsmechanismen kaum lösen. Die Coco-Bonds sind deshalb der vielversprechendste Weg, um die Steuerzahler von den Finanzkrisen der Zukunft zu entlasten.

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