https://www.faz.net/-gqe-78x03

Buchbesprechung : Die Inflationsprediger

Mark Schieritz: Die Inflationslüge Knaur Taschenbuch München 2013 142 Seiten 7 Euro Bild: Verlag

Der Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz kämpft gegen Monetaristen und mit sich selbst.

          2 Min.

          Mark Schieritz ist Wirtschaftsjournalist bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und seit Jahren auf der Suche nach einer Alternative gegen ein Wirtschaftsdenken, das er mit konservativ-liberaler Ordnungsökonomik und Bundesbank-Orthodoxie verbindet. Als eine Ausprägung dieser (vermeintlichen) Orthodoxie betrachtet er eine historisch bedingte übertriebene Inflationsfurcht in Deutschland, die nicht nur erheblichen politischen und gesamtwirtschaftlichen Schaden im Europa des Jahres 2013 auslösen kann, sondern auch den Privatanleger zu Fehlentscheidungen veranlasst.

          Als Beleg für unbegründete Inflationshysterie nimmt Schieritz die Kritik an der starken Ausweitung der Zentralbankbilanz, die als Vorzeichen einer hohen Inflation bezeichnet werde, obgleich der Zusammenhang zwischen Zentralbankbilanz und Inflationsrate unzuverlässig sei. Verantwortlich für diese Hysterie sind nach dieser Lesart unter anderem vorsintflutliche Provinzökonomen (die zum Teil noch verstockter sind als die Bundesbank), ahnungslose Journalisten sowie Geschäftemacher mit der Inflationsangst, darunter Goldverkäufer und Anbieter von Kapitalanlagen, die hohe Provisionen bringen. Schieritz hingegen sieht in Europa noch lange keine Inflation, weil die gesamtwirtschaftliche Nachfrage für einen solchen Schub zu schwach sei.

          Dies wiederum bedauert der Verfasser, der zwar keine Hyperinflation wünscht, wohl aber eine um ein paar Prozentpunkte höhere Inflationsrate in Deutschland, die nötig sei, um die Währungsunion zu retten. Bewirken will er sie durch höhere Löhne, schaden könne sie nicht, weil Analysen der Hyperinflation von 1923 gezeigt hätten, dass hier keineswegs die Ärmeren die Verlierer gewesen seien. Nutzen will er die Inflation unter anderem für eine allmähliche reale Reduzierung der Staatsschulden. Unbarmherzig will Schieritz allerdings gegen deutliche Preissteigerungen am Immobilienmarkt vorgehen; die ihm auch willkommen sind als Begründung, warum der Staat überhaupt sehr viel stärker lenkend in die Kreditvergabe der Banken eingreifen solle.

          Der schmale und preisgünstige Band leidet unter Schwächen. Es ist nicht recht klar, welches Buch der Autor eigentlich schreiben wollte. Zwar befasst er sich mit der Inflationsthematik, dringt aber nicht wirklich tief ein. Stattdessen bemüht er schwankende Gestalten wie die Kaufkrafttheorie des Lohnes oder das intertemporale Äquivalenzprinzip (“pay-as-you-use“) der Staatsverschuldung. In seiner Rechtfertigung der EZB-Rettungspolitik verwendet der Verfasser Walter Bagehots Idee von der Zentralbank als Kreditgeber der letzten Instanz: Bagehot befürwortete solche Einsätze allerdings nur für prinzipiell gesunde Banken (aber nicht für Staaten), gegen gute Sicherheiten und zu hohen Zinsen, während Schieritz hohe Zinsen in der aktuellen Lage als Verirrung ansieht. Die Bedeutung von Inflationserwartungen für künftige Inflation wird in dem Sammelsurium von Beobachtungen unterschätzt.

          Generell lebt das Buch mehr von Impressionen als von Analysen. Wenn Schieritz Marktergebnisse missfallen, leiden die Marktteilnehmer unter Stimmungsschwankungen; mehr staatliche Eingriffe in Marktergebnisse und Verteilungen werden nicht wirklich hinterfragt. Die Hinweise für Kapitalanleger wirken wie angeklebt.

          Vor allem aber stürzt Schieritz in jene Falle, in der er seine Gegenspieler wähnt: Er gibt sich in einer unsicheren Welt viel zu selbstgewiss. Es existiert derzeit kein enger Zusammenhang zwischen Zentralbankbilanz und Inflationsrate, aber daraus folgt nicht, dass die heutige Geldpolitik zwingend unbedenklich wäre. Wie angesichts der Krisenerfahrungen Geldpolitik aussehen sollte, ist unter Ökonomen Gegenstand höchst kontroverser Debatten.

          Ob angesichts hoher Kapazitätsauslastung, Engpässen in Teilen des Arbeitsmarktes und steigender Löhne die Nachfrage in den kommenden Jahren in Deutschland spürbaren Inflationsdruck erzeugen wird, ist heute angesichts der komplizierten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht vernünftig prognostizierbar. Diese Unsicherheit ist eine ernüchternde Nachricht - unter anderem für Kapitalanleger und für vorsintflutliche Ökonomen, aber auch für Mark Schieritz.

          Weitere Themen

          Niedrigzinsen ohne Ende?

          Geldpolitik in Europa : Niedrigzinsen ohne Ende?

          Isabel Schnabel von der EZB und der frühere Wirtschaftsweise Lars Feld streiten bei den Grünen über die Geldpolitik, die Gefahr einer Immobilienblase – und Anleihekäufe für den Klimaschutz.

          Topmeldungen

          Auf Truppenbesuch: Wolodymyr Selenskyj

          Ukraine-Konflikt : Kiews West-Offensive

          Angesichts des russischen Truppenaufmarsches sucht der ukrainische Präsident Selenskyj die Nähe zu EU und Nato. Kann er so das Blatt im Osten seines Landes wenden?
          September 2020: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verfolgt im Bayerischen Landtag eine Rede von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

          Die K-Frage der Union : Söder muss nur noch zuschauen

          Die Unterstützung in der CDU für die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet bröckelt Stück für Stück. Umso entschlossener wirkt die CSU. Die christsoziale Kampfmaschine funktioniert reibungslos.
          Ein Hubschrauber im Einsatz über dem Tafelberg

          Brand am Tafelberg : Kapstadts Universität in Flammen

          In der südafrikanischen Küstenstadt ist am Sonntag ein verheerendes Feuer ausgebrochen. Auch das Bibliotheksgebäude der Universität mit seiner historischen Sammlung steht in Flammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.