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Beruf und Karriere : Kinder im Hort, Mütter am Herd

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Führen mehr Kitas dazu, dass die Mütter wieder mehr arbeiten gehen? Eine norwegische Studie sagt: nein! Bild: AP

Staatliche Kinderbetreuung bringt nicht mehr Frauen in Arbeit. Aber sie nützt den Kleinen. Das zumindest haben norwegische Forscher in einer Studie herausgefunden.

          Es ließe sich trefflich darüber streiten, inwieweit der Staat sich in das generative Verhalten seiner Bürger einmischen soll. Ist die Entscheidung eines Paares für oder gegen ein Kind nicht eine höchst private Angelegenheit, aus der sich die Politik herauszuhalten hat? Eine solche Diskussion wird freilich gar nicht geführt. Vielmehr gibt es in Deutschland und anderswo einen gesellschaftlichen und auch einen politischen Konsens, dass die Regierung dem Schwund der Bevölkerung und ihrer zunehmenden Alterung nicht tatenlos zusehen könne.

          Zu jenen Wohltaten, die in der Hoffnung auf höhere Geburtenraten verteilt werden, zählt der Ausbau der unentgeltlichen Kinderbetreuung von frühestem Alter an. Die Argumentation, die dahintersteckt, leuchtet im ersten Moment ein: Eine garantierte und noch dazu kostenlose (oder zumindest sehr günstige, weil hoch subventionierte) Betreuung des Nachwuchses außer Haus ermöglicht eine rasche Rückkehr der Mütter ins Erwerbsleben und lässt darum die Entscheidung häufiger für als gegen ein Kind ausfallen. Doch wie verhält es sich mit der Empirie? Ist es tatsächlich so, dass günstige und allgemein verfügbare Kinderbetreuung zu einer höheren Erwerbstätigkeit von Müttern führt? Tarjei Havnes und Magne Mogstad haben genau dies am Beispiel ihrer Heimat Norwegen untersucht.

          Die Analyse beginnt in den siebziger Jahren

          Havnes, Ökonom an der Universität Oslo, und Mogstad vom Statistikamt des skandinavischen Landes, beginnen ihre Analyse mit der norwegischen Reform der Kinderbetreuung im Jahr 1975. Vorher, zu Beginn der siebziger Jahre, waren norwegische Mütter ungefähr ebenso oft berufstätig wie Mütter in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre und in den Achtzigern aber stieg die Erwerbstätigenquote schneller. Heute führt Norwegen die Rangliste erwerbstätiger Mütter mit einem Vorsprung von rund zehn Prozentpunkten an.

          Die Reform erlegte Landkreisen und Gemeinden auf, für ein besseres staatliches Angebot der Kinderbetreuung zu sorgen; gleichzeitig wurden die Zuschüsse aus Oslo für diesen Zweck deutlich erhöht. Zu diesem Zeitpunkt nutzten schon viele norwegische Eltern Betreuungsmöglichkeiten außer Haus, allerdings waren dies vielfach informelle Vereinbarungen, beispielsweise mit Freunden, Verwandten, Nachbarn und unlizenzierten Betreuern. Im ökonomischen Sinne habe die Reform einen „Angebotsschock“ offizieller Kinderbetreuung dargestellt, schreiben Havnes und Mogstad. Dieser Schock sei tendenziell in den Gemeinden am größten gewesen, wo vorher die geringsten Möglichkeiten zur Kinderbetreuung bestanden. Sie verweisen dann auf gewöhnliche Arbeitsmarktmodelle, in denen unterstellt werde, dass Mütter jede Stunde, die sie ihr Kind nicht betreuen müssen, praktisch vollständig für Erwerbsarbeit einsetzen. „In diesen Modellen ist der Preis der Kinderbetreuung de facto eine Steuer auf den Lohn der Mutter, und eine Politik, die diesen Preis senkt, hat einen starken und direkten Einfluss auf die Entscheidung der Mutter über ihr Arbeitsangebot“, erläutern die beiden Ökonomen.

          Informelle Betreuung wurde verdrängt

          Die Zahlen aus Norwegen bestätigten diese Theorie aber keineswegs. Vielmehr sei es dort so gewesen, dass die erweiterte staatliche Betreuung - gemessenals Anteil der betreuten Kinder an allen Kindern - die Erwerbstätigkeit der Mütter nur zu einem äußerst geringen Teil erhöht habe. Durch die Einrichtung von 17.500 Betreuungsplätzen seien nur 765 Mütter dazu gebracht worden, eine bezahlte Tätigkeit anzunehmen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter statt Teilzeit Vollzeit arbeite, habe sich nicht nennenswert erhöht. „Unsere Ergebnisse lassen sich so interpretieren: Die neue, staatlich subventionierte formelle Kinderbetreuung hat die informelle Betreuung zu 94 Prozent verdrängt“, schreiben Havnes und Mogstad weiter. Der starke Ausbau der staatlich organisierten Betreuung in Norwegen zwischen 1972 und 1996 könne nur rund vier der 55 Prozentpunkte des Anstiegs der Erwerbsquote von Müttern in dieser Zeit erklären. „Es besteht zwar eine Korrelation, nicht aber ein kausaler Zusammenhang zwischen einer umfassenden, staatlich organisierten Kinderbetreuung und der Erwerbstätigkeit von Müttern.“

          Diese Einsicht ist durchaus von großer Bedeutung, denn sie zeigt, dass gutgemeinte, staatlich bezuschusste Kinderbetreuung durchaus unerwünschte Nebeneffekte haben kann. Durch die Verdrängung von informellen Betreuungsvereinbarungen vom Markt entstehen beträchtliche Nettokosten der Subventionen, zumal die staatliche Förderung aus Steuermitteln zu bezahlen ist. Aber die beiden Autoren weisen zu Recht auch darauf hin, dass die Debatte über eine umfassende Kinderbetreuung nicht auf den Aspekt der Erwerbstätigkeit von Müttern verengt werden darf. „Beispielsweise liefern jüngste Forschungsergebnisse Hinweise darauf, dass Investitionen in die Erziehung und Bildung kleiner Kinder sich ganz besonders lohnen. Das gilt vor allem für Kinder, die sonst benachteiligt wären.“

          Es lasse sich vor diesem Hintergrund beispielsweise das Argument vorbringen, dass es besser ist, im Kindesalter durch staatliche Intervention Chancengleichheit herzustellen, als sich später durch staatliche Umverteilung um eine Angleichung der Ergebnisse zu bemühen. Die Rolle, die die Regierung in der Förderung kleiner Kinder übernehmen könne, sei wichtig, denn es gebe Familien, die aus einer Reihe von Gründen nicht angemessen in die Ausbildung ihrer Kinder investierten. Es gebe durchaus empirische Belege dafür, dass ein breiter Zugang zur Kinderbetreuung langfristig die Chancen der Kinder deutlich verbessere. „Wir können aus unseren Ergebnissen darum nicht einfach den Schluss ziehen, dass die staatliche Subvention von Kindern in skandinavischen Ländern zu groß ist. Aber das Argument darf sich nicht auf die Erwerbstätigkeit von Müttern stützen, sondern auf die verbesserte Entwicklung der Kinder“, schließen Havnes und Mogstad.

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