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Bert Rürup : Der biegsame Ökonom

  • -Aktualisiert am

Auch mit 67 Jahren steht Bert Rürup jeden Morgen um fünf Uhr auf. Es gibt so viel zu tun Bild:

Einst war er der einflussreichste Wirtschaftswissenschaftler im Land. Mittlerweile gibt er den Unternehmer und hat sich mit dem umstrittenen Carsten Maschmeyer zusammen getan. Nun grämt er sich, dass die Deutschen ihn nicht lieben.

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          Zwei Wochen lang war es fast wie früher. Alle riefen Bert Rürup an und wollten eine Erklärung, eine Einschätzung, ein Statement. In die Tagesschau schaffte er es nicht, aber der Saal seiner Pressekonferenz am vergangenen Freitag war ordentlich gefüllt. Dort präsentierte Rürup die neuen Chefs des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das größte Institut seiner Art im Land stand nach einigen Streitereien ohne Präsident da – und als Kuratoriumsleiter ist Rürup verantwortlich für die Spitzenpersonalien.

          Er machte zwei renommierte Forscher zu Nachfolgern eines anderen renommierten Forschers. Nun ja. Früher betraf ein Rürup-Termin nicht nur ein paar Dutzend Ökonomen, sondern Millionen Menschen. Nach Rürups Konzepten sorgen die Deutschen für das Alter vor, versichern sich gegen Krankheiten oder nehmen eine Pflegepause für die Familie.

          Trotzdem stürzt sich Rürup auch in B-Termine am DIW wie in eine Sitzung mit dem Bundesgesundheitsminister. Er ist zwar nicht mehr „Wirtschaftsweiser“ im Sachverständigenrat, er leitet nicht mehr den Sozialbeirat der Bundesregierung und seinen Lehrstuhl in Darmstadt hat er auch nicht mehr. Aber noch immer steht er jeden Morgen vor fünf Uhr auf. Er hat immer noch Ämter, und er hat ein Unternehmen gegründet, in dem er weiter analysiert, berät und erklärt. Er ist sehr bekannt und sehr beschäftigt.

          Vom Rentenpapst zum Renten-Unternehmensberater

          Aber: The magic is gone. Das liegt nicht daran, dass Bert Rürup 67 Jahre alt ist. Er könnte jetzt auch der Helmut Schmidt der Sozialversicherung sein. Es liegt daran, was Rürup jetzt macht, in seinem neuen Büro in der Bockenheimer Landstraße 64 im Frankfurter Westend. Mit Carsten Maschmeyer, dem Gründer des Finanzvertriebs AWD, hat er eine Firma gegründet, die spezialisiert ist auf die Beratung großer Banken und Versicherungen – ausgerechnet zum Thema Altersvorsorge und Krankenversicherung. Das ist Rürups Karrierewechsel: vom Rentenpapst zum Renten-Unternehmensberater. Vom heimlichen Bundesgesundheitspräsidenten zum Verkäufer von Gesundheitsvorsorgekonzepten. Als wäre das nicht genug hat er sein neues Leben in der umstrittenen Beratungsfirma AWD begonnen und sich dann mit deren Chef Maschmeyer zusammen getan.

          Rürup, Prinzgemahl des „Drückerkönigs“ Maschmeyer? Diese Volte haben die Deutschen nicht mitgemacht. Sie haben akzeptiert, wie nach seinen Vorschlägen ihr Sozialsystem umgekrempelt wurde. Aber sie nahmen es ihm übel, dass er nach der Karriere als Spitzenforscher und Spitzenberater noch Spitzenunternehmer werden wollte. Ausgerechnet Rürup, dessen Stärke Beratungskonzepte mit politischer Konsensfähigkeit waren, unterschätzte, wie groß der Krach über seine private Karriereplanung ausfallen würde. Seine Konzepte konnte er verkaufen, nur sich selbst nicht so recht.

          „Ich habe die Kritik antizipiert“, sagt Rürup, und lehnt sich zurück in seinem violetten Sessel in seinem eleganten grauen Büro. „Aber von der Heftigkeit war ich doch überrascht.“ Natürlich hätte er eine „Cooling-Off-Phase“ einlegen können, grübelt der Ökonom laut. Aber nach ein paar lauen Jahren dann als Ex-Wirtschaftsweiser bei der Wirtschaft anklopfen? „Da wäre man für einen potentiellen Arbeitgeber nicht mehr attraktiv.“ Seit Mitte 2008 hatte er seinen Wechsel vorbereitet. „Es wäre einem Berufsverbot gleichgekommen, wenn ich nicht in den Finanzdienstleistungsbereich hätte wechseln dürfen. Ich kann doch nicht in Weinbau machen.“

          „Ist das so schwer zu kapieren?“

          Seine Firma mit dem Delfin-Logo floriert, steigt auf in Rankings der Beratungsfirmen, gewinnt lukrative Mandate. Rürup selbst fühlt sich topfit mit 67 Jahren. Mit großen Schritten durchmisst der schlaksige Mann sein elegantes Büro, erklärt die Kunstwerke an der Wand: „‘Denkende Hände’ heißt das Werk, auch ein bisschen mein Motto“. Seine Hände reden jedenfalls immer mit, wie früher in Pressekonferenzen flattern sie im Einklang mit seinen Erklärungen, und auch die Arme rudern mit.

          Der ganze Rürup wird etwas ungeduldig, wenn die Botschaft nicht ankommen will. „Ist das so schwer zu kapieren?“ 120 Seiten hat er für die Besucher ausgedruckt, das Abschlussgutachten seiner „Kommission zur Neuordnung der steuerrechtlichen Behandlung von Altersvorsorgeaufwendungen und Altersbezügen“, Jahrgang 2003. Man lese nur diese Seiten, und verstehe: Dieser Mann kann doch kein Büttel der Finanzindustrie sein. Findet zumindest er selbst.

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