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Benzinpreise : Die zwei Großen von der Tankstelle

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Gibt es echten Wettbewerb zwischen den Tankstellenketten? Die Spritpreise bewegen sich auffällig parallel. Shell oder Aral sind die Preisführer. Das funktioniert auch ohne illegale Preisabsprache.

          Für eine Kartellbehörde ist es eine verlockende Vorstellung: Ein kurzer Blick auf die Preisentwicklung, und das Kartell ist entlarvt. Und in der Tat: Die von Justus Haucap und Luis Manuel Schultz jüngst an dieser Stelle beschriebenen Entwicklungen im Bereich der "forensischen Kartellforschung" (siehe Forensische Kartellforschung) können die Schlagkraft der Wettbewerbsaufsicht steigern. Bestimmte Preissetzungsmuster lassen Rückschlüsse auf das Vorliegen kartellrechtswidriger Absprachen zu. Auch kann mit Preisanalysen der Frage nachgegangen werden, ob in einem Markt Wettbewerb herrscht oder ob sich die Anbieter weitgehend parallel verhalten.

          Allerdings sind auch die Grenzen dieser empirischen Methoden zu berücksichtigen. So ist es derzeit eine offene Frage, ob Gerichte allein wegen verdächtiger Preisbewegungen einen Wettbewerbsverstoß als belegt ansehen würden. Ferner gilt: Die besten empirischen Daten sind wertlos, wenn sie falsch interpretiert werden.

          Die möglichen Fallstricke empirischer Preisanalysen können an einem Beispiel verdeutlicht werden, das in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert wird: der Entwicklung der Kraftstoffpreise an deutschen Tankstellen. Für eine eingehende Bewertung der Wettbewerbsintensität an den Zapfsäulen hat das Bundeskartellamt im Rahmen seiner kürzlich veröffentlichten Sektoruntersuchung umfangreiche Preisdaten für vier Modellregionen erhoben. Auch Haucap und Schultz nehmen hierauf Bezug, allerdings nur auf die Daten zur ermittelten Anzahl von Preisveränderungen. Sie kommen vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Beiträge, die darauf hindeuten, dass bei funktionierendem Wettbewerb Preisveränderungen häufiger auftreten und Preiserhöhungen seltener als Preissenkungen vorkommen, zu dem Schluss, dass die vom Bundeskartellamt erhobenen Daten "im Lichte der empirischen Kartellforschung zunächst nur schwer als Indiz für mangelnden Wettbewerb herangezogen werden" können.

          Diese Bewertung greift zu kurz. Zwar können in bestimmten Märkten die Anzahl von Preisänderungen und die relative Anzahl von Preiserhöhungen und Senkungen geeignete Indikatoren sein, um die Existenz von Wettbewerb zu belegen. Dies gilt aber keineswegs für sämtliche Märkte. Insbesondere in Märkten mit stark zyklischen Preisbewegungen liefert dieser Indikator systematisch falsche Hinweise. Und für die deutschen Kraftstoffmärkte gilt: Zyklischen Preisbewegungen sind die Regel; starke Preiserhöhungen von 5 Cent je Liter oder mehr wechseln mit häufigeren, aber deutlich kleineren Preissenkungsschritten.

          Die Theorie der Edgeworth-Preiszyklen

          Entscheidend für die richtige Einordnung dieser zyklischen Preisbewegungen ist die auf Eric Maskin und Jean Tirole zurückgehende Theorie der Edgeworth-Preiszyklen. Kennzeichen dieser Zyklen sind relativ seltene Preiserhöhungen und häufige, aber kleine Preissenkungsschritte. Würde man nur auf die Anzahl von Preisveränderungen schauen, müsste die Schlussfolgerung lauten: Edgeworth-Zyklen gleich Wettbewerb. Maskin und Tirole haben aber nachgewiesen, dass solche Preiszyklen auch im Umfeld expliziter Absprachen oder eines wettbewerbsschädlichen Parallelverhaltens auftreten können. Denn bei funktionierendem Wettbewerb würde man in zyklischen Märkten erwarten, dass die Anbieter vor einseitigen Preiserhöhungen zurückschrecken.

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