https://www.faz.net/-gqe-12yt7

Bedingungsloses Grundeinkommen : Geld verdienen, ohne zu arbeiten

Bild: Matthias Lüdecke

Seit Jahren reist Drogeriemarkt-Gründer Götz Werner durchs Land, um für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu werben. Unterstützer hat er in allen Gesellschaftsschichten gefunden. Kreativ kämpfen sie für ihre Utopie. Ein Multimedia-Spezial.

          Die Idee sei wie ein Schwelbrand. Sie gehe von Mund zu Mund, ob man sie befürworte oder nicht. „Jede Party ist gelaufen, wenn ich mit dem Grundeinkommen anfange“, sagt Enno Schmidt. Wieder einmal spricht der Frankfurter Künstler über seine Lieblingsidee. Nicht verklärt, nicht besessen oder entrückt. Konzentriert ist er, legt seine Stirn nachdenklich in Falten, als er in einem Kunstcafé von seinem Engagement erzählt – für ein Einkommen, das an alle Bürger gezahlt wird, unabhängig von ihrem Alter, ihrer Erwerbssituation oder ihrem Familienstand.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Zurzeit beschäftige ich mich gerade mit den tieferen Gegenargumenten“, sagt der Künstler zu Beginn des Gesprächs, wie um seine Ernsthaftigkeit zu unterstreichen. 150.000 Menschen, so überschlägt er, haben seinen Filmessay darüber gesehen. Tausende engagieren sich in privaten Initiativen. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo im Land eine öffentliche Veranstaltung zum Grundeinkommen ausgerichtet wird. „Das erste Mal seit langem kann man als Piefke Doof wieder über eine gesellschaftliche Vision mitdiskutieren“, erklärt Schmidt die Verbreitung der Idee.

          Parolen von gestern

          Der Erste Mai in Berlin verläuft wie üblich. In Kreuzberg bereiten Autonome ihre Krawalle vor. Am Brandenburger Tor haben die Gewerkschaften ihr Revier markiert. Eine Frau läuft mit halbmeterlangem Fleischspieß an den Ständen vorbei. Auf ihrem orangen T-Shirt prangt die Losung „Soziales Europa gemeinsam gestalten“. Von einer Bühne herab fordert ein Funktionär gerechte Löhne. Plakate werben für einen gesetzlichen Mindestlohn, eine ausreichende Rente, Arbeit für alle. Parolen von gestern, wie die Befürworter des Grundeinkommens meinen. Denn Vollbeschäftigung werde es nicht mehr geben. Die Automatisierung der Arbeit mache millionenfach Stellen überflüssig. „Dafür haben wir doch 100 Jahre gekämpft, dass wir von Arbeit befreit werden“, erregt sich eine Rentnerin in Enno Schmidts Filmessay. „Dass das kein Politiker sagt, ärgert mich.“

          Einkommen für alle: Schöner Traum oder realistische Option?

          Diana Huber ist noch etwas aufgeregt. Gerade hat die studierte Philosophin einen großen Auftritt gehabt. Hunderten Gewerkschaftsmitgliedern hat sie mit ihrer Flüstertüte die Argumente für ein Grundeinkommen entgegengeschleudert. Drei Minuten hat ihr ein Polizist eingeräumt, bis der Demonstrationszug weiterlaufen sollte, am Ende zählte er die Sekunden rückwärts. Seit einem halben Jahr engagiert sich Huber in der Bundesagentur für Einkommen, die den Internetauftritt der Arbeitsagentur kopiert hat. Ihr Antragsformular für ein Grundeinkommen wurde 40.000-mal aus dem Internet heruntergeladen. Euphorisch macht sie sich auf zur Siegessäule. Denn zwei Kilometer von den Gewerkschaftsständen entfernt treffen sich diejenigen, die weiter gehen wollen, die einen radikalen Umbau des Sozialstaats propagieren.

          Die Tagesmutter aus Greifswald und „Spaziergänger Klaus“

          Susanne Wiest hat zu einem bedingungslosen Kaffeetrinken geladen. Jeder soll Kaffee und Kuchen selber mitbringen. „Der Lutz, der Wolfgang und der Klaus kommen“, so viel wusste die Tagesmutter aus Greifswald vor dem Treffen. Am Ende sind es 60 bis 70 Leute. Alle haben in den vergangenen Monaten ihre Kraft auf ein Projekt gelenkt, das im Petitionsausschuss des Bundestags zu einem „Thema mit herausgehobener Bedeutung“ geworden ist, wie Abgeordnete berichten. Im Ärger über eine neue Besteuerung für die Löhne von Tagesmüttern wandte sich Wiest an Familienministerin von der Leyen und den mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidenten Sellering.

          Weitere Themen

          Startschuss für umstrittene Elbvertiefung Video-Seite öffnen

          Hamburg : Startschuss für umstrittene Elbvertiefung

          Umweltverbände wie der BUND halten die Maßnahme für überflüssig und naturfeindlich. Sie klagen abermals und rechnen mit einem Verhandlungstermin Anfang 2020.

          Topmeldungen

          Angriff auf Eritreer : Opfer wegen der Hautfarbe

          Der Schütze von Wächtersbach handelte aus rassistischen Motiven. Der niedergeschossene Eritreer war laut den Ermittlern ein Zufallsopfer. Ein Abschiedsbrief liefert ein weiteres Detail zur Tat.
          Blick ins Zwischenlager in Gorleben (Bild aus 2011)

          Atommüll-Entsorgung : So arbeitet Deutschlands erster Staatsfonds

          Wie kann man heute 24,1 Milliarden Euro anlegen? Die Antwort muss die Stiftung geben, die zur Finanzierung der Atommüll-Entsorgung gegründet wurde. Jetzt soll erstmals ein Gewinn zu Buche stehen.
          Außenminister: Jean-Yves Le Drian (links) und Heiko Maas (rechts)

          Regierungsbeschluss : Berlin will vorerst keine Schiffe an den Golf schicken

          Außenminister Heiko Maas will sich der Strategie Amerikas nicht anschließen. Da ist er sich mit seinem englischen und französischen Amtskollegen einig. Stattdessen sieht er die Anrainer in der Pflicht.
          Winfried – Markus, Markus – Winfried: Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Bayern, Kretschmann und Söder, in Meersburg

          FAZ Plus Artikel: Bayern und Baden-Württemberg : Auf der Südschiene

          Markus Söder und Winfried Kretschmann bemühen sich um Nähe zueinander. Der eine will umweltfreundlicher wirken, der andere ein wenig konservativer. Und beide sind sich einig, dass Deutschland einen starken Süden braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.