https://www.faz.net/-gqe-103a6

Aus der Krise geboren : Der Neoliberalismus wird siebzig

Die Ökonomen vom Berg: Treffen der mont Pelerin Society 1947 Bild: The Mont Pelerin Society

Das Wort „neoliberal“ ist zu einem Schimpfwort verkommen, dem die gleiche Bedeutung zugeschrieben wird wie „Manchester-Liberalismus“. Dabei wollten sich die frühen Neoliberalen von diesem gerade distanzieren. Eine Erinnerung an die Anfänge - zum siebzigsten Geburtstag dieser Denkrichtung.

          Der Neoliberalismus war ein Kind der Krise der dreißiger Jahre. Auf Große Depression, Massenarbeitslosigkeit und Elend folgte der Aufstieg totalitärer Regime. Weite Kreise machten die Marktwirtschaft für das Chaos verantwortlich. Deshalb setzten immer mehr Staaten auf straffe Kontrolle und Lenkung der Wirtschaft. Die verbliebenen Liberalen waren in der Defensive.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ende August 1938, vor siebzig Jahren, traf sich eine kleine Gruppe marktwirtschaftlich denkender Ökonomen und Publizisten zu einer internationalen Konferenz in Paris, dem Colloque Walter Lippmann. In seiner Streitschrift „The Good Society“ hatte der bekannte amerikanische Autor Lippmann verschiedene totalitäre Ideologien kritisiert: Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen. Zugleich warnte er vor einem „schleichenden Kollektivismus“ auch im Westen. Die sich in Paris versammelnden Liberalen, unter ihnen der noch unbekannte Friedrich August von Hayek, suchten nach Antworten auf die existentielle Krise ihrer Denkrichtung.

          Die Neoliberalen wollten sich vom „Manchester-Liberalimus“ distanzieren

          Wenn heute über „Neoliberalismus“ gesprochen und gestritten wird, dann hat das nur noch wenig mit der ursprünglichen Idee zu tun. Das Wort „neoliberal“ ist zu einem Schimpfwort verkommen, dem die gleiche Bedeutung zugeschrieben wird wie „Manchester-Liberalismus“. Dabei wollten sich die frühen Neoliberalen von diesem gerade distanzieren.

          Ihre Vertreter wie Walter Eucken und Alexander Rüstow kritisierten das „Laissez-faire“ des neunzehnten Jahrhunderts. Sie machten es verantwortlich für die Entstehung von Kartellen und wirtschaftlicher Konzentration, die einer freiheitlichen und gerechten Ordnung gefährlich waren. Der Staat – so ihre Vorstellung – solle gerade nicht auf die völlige Selbstregulierung der Wirtschaft hoffen. Er müsse vielmehr einen wettbewerbspolitischen Rahmen setzen. Die frühen Neoliberalen wünschten sich den Staat schlank, aber stark, um nicht zur Beute der Interessengruppen zu werden.

          Eine Abgrenzung - um zu retten, was zu retten war

          Um vom Liberalismus zu retten, was zu retten war, wagten sie eine Abgrenzung vom historischen Liberalismus: Ihre Antwort auf die Krise war der „Neoliberalismus“. Der sollte kompromisslos auf eine Wettbewerbsordnung setzen. Denn starker Wettbewerb hält nicht nur die Märkte flexibel, er kommt über niedrigere Preise und bessere Produkte den Verbrauchern zugute.

          Der Versuch, schon 1938 in Paris eine internationale Vereinigung zu bilden, scheiterte. Es kam zu einigen kleineren Konferenzen, auch mit Gewerkschaftsführern, aber der Ausbruch des Krieges setzte diesen Aktivitäten ein Ende.

          Nach dem Krieg wagte Hayek einen neuen Anlauf

          Der gebürtige Wiener Hayek, der nun in London lehrte, hatte die Diskussionen aufmerksam verfolgt. Er kam zu der Erkenntnis, dass nicht politischer Aktivismus, sondern Ideen zählen. Langfristig könnten sie die Geschichte lenken. Auch Hayeks linker Gegenspieler John Maynard Keynes hatte in seiner „General Theory“ geschrieben: „Die Ideen der Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind wirkmächtiger als allgemein gedacht. Die Welt wird tatsächlich von nichts anderem regiert.“

          Nach dem Krieg wagte Hayek einen neuen Anlauf, eine Vereinigung neoliberaler Intellektueller zu gründen. Dies gelang ihm mit der Mont Pèlerin Society. Benannt war sie nach einem kleinen Berg in der Schweiz am Genfer See. Dort trafen sich über die Ostertage 1947 insgesamt 39 hochkarätige Intellektuelle, darunter Wilhelm Röpke und Eucken, der Kopf der Freiburger Schule, die emigrierte Wiener Schule um Ludwig von Mises, der Philosoph Karl Popper sowie der junge Milton Friedman von der Universität Chicago.

          Strategien zur Wiederbelebung einer liberalen Weltordnung

          Zehn Tage lang diskutierten sie über die ökonomische und politische Krise ihrer Zeit und suchten Strategien zur Wiederbelebung einer liberalen Weltordnung. Einige waren verzweifelt. Sie sahen sich umgeben von einem Meer aus freiheitsfeindlichen Ideologien; nicht nur der Vormarsch des Kommunismus in Osteuropa, auch die Ausbreitung halbsozialistischer Wohlfahrtsstaaten im Westen beunruhigten sie zutiefst. Individuelle Freiheit, Verantwortung und Würde seien gefährdet, wenn kollektivistische Ordnungen den Handlungsspielraum des Einzelnen immer weiter einschränkten. Staatliche Lenkung der Wirtschaft sahen sie – nach dem Buchtitel von Hayek – als „Weg in die Knechtschaft“.

          Anfangs erntete ihre Gesellschaft eher Spott. So mokierte sich Joseph Schumpeter über das vergebliche Unterfangen der neoliberalen „Ökonomen vom Berg“. Sie seien unbedeutend und irrelevant. Die Einwände der Gesellschaft gegen die zunehmende staatliche Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft galten als überholt. Auch einer ihrer Mitgründer, Röpke, war skeptisch, ob die Gesellschaft erfolgreich oder nur „eine Art von liberaler Freimaurerei“ würde.

          Anfangs marginal und isoliert - aber das änderte sich

          1947 hätte wohl kaum einer erwartet, dass die Mont Pèlerin Society, die anfangs so marginal und isoliert war, fünfzig Jahre später in der englischen „Sunday Times“ als „der einflussreichste, aber kaum bekannte Thinktank des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet werden würde. Wie Karl Marx und seine Internationale hatten Hayek und seine neoliberale Geistesbrigade die Welt verändert. Ihr Erfolg in der Wissenschaft ist unübersehbar. Allein acht Mitglieder der Gesellschaft erhielten bis heute den Wirtschaftsnobelpreis, allen voran Hayek im Jahr 1974 und Milton Friedman 1976.

          Ein früher Durchbruch gelang den Neoliberalen ausgerechnet im kriegszerstörten Deutschland, als Ludwig Erhard 1948 eine abrupte Entfesselung des Marktes wagte. Die Grundzüge dieser Politik waren am Mont Pèlerin skizziert worden. Eucken erklärte dort, weshalb in Deutschland die Produktivkräfte gefesselt waren: Das alte, wertlose Geld motivierte niemanden zu Leistung, und die staatlich festgelegten Preise waren so unrealistisch, dass alle Waren und Rohstoffe gehortet wurden. Nur eine Währungsreform in Verbindung mit einer Freigabe der Preise konnte einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen, glaubte Eucken. Genau dies wagte Ludwig Erhard im Juni 1948 – gegen den Widerstand einer breiten Front von Zweiflern.

          Das neoliberale Denken radikalisierte sich

          Als Wirtschaftsminister wurde Erhard prominentes Mitglied der Mont Pèlerin Society. Er fühlte sich wohl im Kreise der Neoliberalen, mehrfach trat er als Redner auf. Die Gesellschaft, die anfangs stark von Deutschen oder Emigranten aus dem deutschsprachigen Raum geprägt war, wandelte sich aber in den frühen sechziger Jahren, als ein Streit die Gesellschaft an den Rand der Spaltung führte.

          Die Kontroverse führte letztlich dazu, dass der schwerkranke Röpke und sein Freund Rüstow die Gesellschaft verließen. Damit schied die soziologisch orientierte Richtung des Neoliberalismus aus, die als Voraussetzung für eine Marktwirtschaft eine bürgerlich-konservative Gesellschaftsordnung ansah.

          Zugleich radikalisierte sich das neoliberale Denken: In Amerika stieg Milton Friedman, der Vordenker des „Monetarismus“, zum neuen Star der Wirtschaftswissenschaften auf, der zeitweise auch Hayek überstrahlte. Die jüngere Chicagoer Schule um Friedman glaubte nun nicht mehr, dass der Staat als echter Wettbewerbshüter auftreten könne, sondern sah ihn fest in der Hand von Interessengruppen. Je weniger Staat, desto besser der Markt, lautete ihr Credo. Auch Hayek forderte, der „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ dürfe durch keine staatliche Intervention gestört werden. Der Neoliberalismus wandte sich wieder dem „Laissez-faire“ zu.

          Die Zeit der Stagflation

          Mitte der siebziger Jahre, als die Wirtschaft in allen westlichen Industriestaaten immer tiefer in eine Stagflation – eine Mischung aus Wachstumsschwäche und steigender Inflation – fiel und die staatliche Steuerung der Konjunktur versagte, gerieten die Keynesianer in die Defensive. Nun war die Bühne frei für neoliberale Ökonomen. Nicht Ideen allein, sondern die Umstände halfen ihnen.

          In Großbritannien, das in den siebziger Jahren als „kranker Mann Europas“ galt, war Margaret Thatcher eine fleißige Schülerin. In Amerika fand sich mit Ronald Reagan ein eifriger Verfechter der neoliberalen Konzepte. Der Vormarsch der Neoliberalen wäre aber vermutlich nicht auf so breiter Front geglückt, hätte nicht im Hintergrund ihr Netzwerk aus Mont Pèlerin Society und Thinktanks gewirkt.

          Die „neoliberale Revolution“ nicht überbewerten

          Von einer intellektuellen „Hegemonie“, die linke Kritiker mit teils verschwörungstheoretischem Unterton beklagen, kann aber keine Rede sein. Außerhalb der Wirtschaftswissenschaften blieb der Neoliberalismus stets marginal. Auch sollte man die „neoliberale Revolution“ der Wirtschaftspolitik nicht überbewerten. Der versprochene „Rollback“ des Staates ist weitgehend Rhetorik geblieben.

          Kann man in Deutschland angesichts einer Staatsquote von rund 45 Prozent und einer Grenzbelastung durch Steuern und Abgaben von mehr als 60 Prozent ernstlich von einem „entfesselten Kapitalismus“ sprechen? Als der Sozialismus 1989/90 zusammenbrach, kommentierte Mont-Pèlerin-Mitglied und Nobelpreisträger James Buchanan dies mit den sarkastischen Worten: „Der Sozialismus ist tot, aber der Leviathan lebt weiter.“ Gemeint war der vom Philosophen Thomas Hobbes als „Leviathan“ bezeichnete Staat, der den Bürgern soziale Sicherheit verspricht, dabei jedoch ihre Freiheit beschränkt.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

          Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

          Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.
          Olaf Koch, 49, ist seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro.

          Metro-Chef Koch im Interview : Ist Ihr Job noch sicher?

          Metro-Chef Olaf Koch hat eine feindliche Übernahme durch den tschechischen Milliardär Křetínský abgewehrt, doch die Probleme bleiben. Wie geht es mit dem Handelskonzern und ihm selbst weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.