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Aus der Krise geboren : Der Neoliberalismus wird siebzig

Als Wirtschaftsminister wurde Erhard prominentes Mitglied der Mont Pèlerin Society. Er fühlte sich wohl im Kreise der Neoliberalen, mehrfach trat er als Redner auf. Die Gesellschaft, die anfangs stark von Deutschen oder Emigranten aus dem deutschsprachigen Raum geprägt war, wandelte sich aber in den frühen sechziger Jahren, als ein Streit die Gesellschaft an den Rand der Spaltung führte.

Die Kontroverse führte letztlich dazu, dass der schwerkranke Röpke und sein Freund Rüstow die Gesellschaft verließen. Damit schied die soziologisch orientierte Richtung des Neoliberalismus aus, die als Voraussetzung für eine Marktwirtschaft eine bürgerlich-konservative Gesellschaftsordnung ansah.

Zugleich radikalisierte sich das neoliberale Denken: In Amerika stieg Milton Friedman, der Vordenker des „Monetarismus“, zum neuen Star der Wirtschaftswissenschaften auf, der zeitweise auch Hayek überstrahlte. Die jüngere Chicagoer Schule um Friedman glaubte nun nicht mehr, dass der Staat als echter Wettbewerbshüter auftreten könne, sondern sah ihn fest in der Hand von Interessengruppen. Je weniger Staat, desto besser der Markt, lautete ihr Credo. Auch Hayek forderte, der „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ dürfe durch keine staatliche Intervention gestört werden. Der Neoliberalismus wandte sich wieder dem „Laissez-faire“ zu.

Die Zeit der Stagflation

Mitte der siebziger Jahre, als die Wirtschaft in allen westlichen Industriestaaten immer tiefer in eine Stagflation – eine Mischung aus Wachstumsschwäche und steigender Inflation – fiel und die staatliche Steuerung der Konjunktur versagte, gerieten die Keynesianer in die Defensive. Nun war die Bühne frei für neoliberale Ökonomen. Nicht Ideen allein, sondern die Umstände halfen ihnen.

In Großbritannien, das in den siebziger Jahren als „kranker Mann Europas“ galt, war Margaret Thatcher eine fleißige Schülerin. In Amerika fand sich mit Ronald Reagan ein eifriger Verfechter der neoliberalen Konzepte. Der Vormarsch der Neoliberalen wäre aber vermutlich nicht auf so breiter Front geglückt, hätte nicht im Hintergrund ihr Netzwerk aus Mont Pèlerin Society und Thinktanks gewirkt.

Die „neoliberale Revolution“ nicht überbewerten

Von einer intellektuellen „Hegemonie“, die linke Kritiker mit teils verschwörungstheoretischem Unterton beklagen, kann aber keine Rede sein. Außerhalb der Wirtschaftswissenschaften blieb der Neoliberalismus stets marginal. Auch sollte man die „neoliberale Revolution“ der Wirtschaftspolitik nicht überbewerten. Der versprochene „Rollback“ des Staates ist weitgehend Rhetorik geblieben.

Kann man in Deutschland angesichts einer Staatsquote von rund 45 Prozent und einer Grenzbelastung durch Steuern und Abgaben von mehr als 60 Prozent ernstlich von einem „entfesselten Kapitalismus“ sprechen? Als der Sozialismus 1989/90 zusammenbrach, kommentierte Mont-Pèlerin-Mitglied und Nobelpreisträger James Buchanan dies mit den sarkastischen Worten: „Der Sozialismus ist tot, aber der Leviathan lebt weiter.“ Gemeint war der vom Philosophen Thomas Hobbes als „Leviathan“ bezeichnete Staat, der den Bürgern soziale Sicherheit verspricht, dabei jedoch ihre Freiheit beschränkt.

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