https://www.faz.net/-gqe-103a6

Aus der Krise geboren : Der Neoliberalismus wird siebzig

Nach dem Krieg wagte Hayek einen neuen Anlauf, eine Vereinigung neoliberaler Intellektueller zu gründen. Dies gelang ihm mit der Mont Pèlerin Society. Benannt war sie nach einem kleinen Berg in der Schweiz am Genfer See. Dort trafen sich über die Ostertage 1947 insgesamt 39 hochkarätige Intellektuelle, darunter Wilhelm Röpke und Eucken, der Kopf der Freiburger Schule, die emigrierte Wiener Schule um Ludwig von Mises, der Philosoph Karl Popper sowie der junge Milton Friedman von der Universität Chicago.

Strategien zur Wiederbelebung einer liberalen Weltordnung

Zehn Tage lang diskutierten sie über die ökonomische und politische Krise ihrer Zeit und suchten Strategien zur Wiederbelebung einer liberalen Weltordnung. Einige waren verzweifelt. Sie sahen sich umgeben von einem Meer aus freiheitsfeindlichen Ideologien; nicht nur der Vormarsch des Kommunismus in Osteuropa, auch die Ausbreitung halbsozialistischer Wohlfahrtsstaaten im Westen beunruhigten sie zutiefst. Individuelle Freiheit, Verantwortung und Würde seien gefährdet, wenn kollektivistische Ordnungen den Handlungsspielraum des Einzelnen immer weiter einschränkten. Staatliche Lenkung der Wirtschaft sahen sie – nach dem Buchtitel von Hayek – als „Weg in die Knechtschaft“.

Anfangs erntete ihre Gesellschaft eher Spott. So mokierte sich Joseph Schumpeter über das vergebliche Unterfangen der neoliberalen „Ökonomen vom Berg“. Sie seien unbedeutend und irrelevant. Die Einwände der Gesellschaft gegen die zunehmende staatliche Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft galten als überholt. Auch einer ihrer Mitgründer, Röpke, war skeptisch, ob die Gesellschaft erfolgreich oder nur „eine Art von liberaler Freimaurerei“ würde.

Anfangs marginal und isoliert - aber das änderte sich

1947 hätte wohl kaum einer erwartet, dass die Mont Pèlerin Society, die anfangs so marginal und isoliert war, fünfzig Jahre später in der englischen „Sunday Times“ als „der einflussreichste, aber kaum bekannte Thinktank des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet werden würde. Wie Karl Marx und seine Internationale hatten Hayek und seine neoliberale Geistesbrigade die Welt verändert. Ihr Erfolg in der Wissenschaft ist unübersehbar. Allein acht Mitglieder der Gesellschaft erhielten bis heute den Wirtschaftsnobelpreis, allen voran Hayek im Jahr 1974 und Milton Friedman 1976.

Ein früher Durchbruch gelang den Neoliberalen ausgerechnet im kriegszerstörten Deutschland, als Ludwig Erhard 1948 eine abrupte Entfesselung des Marktes wagte. Die Grundzüge dieser Politik waren am Mont Pèlerin skizziert worden. Eucken erklärte dort, weshalb in Deutschland die Produktivkräfte gefesselt waren: Das alte, wertlose Geld motivierte niemanden zu Leistung, und die staatlich festgelegten Preise waren so unrealistisch, dass alle Waren und Rohstoffe gehortet wurden. Nur eine Währungsreform in Verbindung mit einer Freigabe der Preise konnte einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen, glaubte Eucken. Genau dies wagte Ludwig Erhard im Juni 1948 – gegen den Widerstand einer breiten Front von Zweiflern.

Das neoliberale Denken radikalisierte sich

Weitere Themen

Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

August 1989 : Als die Grenze fiel

Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

Topmeldungen

Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.

Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.