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Aufschwung : Warum ist Wirtschaftsgeschichte plötzlich sexy?

Nicht nur Historiker forschen an der Geschichte

Dabei waren weder Rogoff noch Reinhart von Haus aus Wirtschaftshistoriker. Sie blickten einfach in die Geschichte, weil sie fanden, dass das für ihre Finanzkrisen-Forschung nötig war. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Wirtschaftsgeschichte so einen Aufstieg hinlegt: Sie wird außerhalb ihres eigenen Faches beliebt, viele Ökonomen bedienen sich mittlerweile der Erkenntnisse aus der Vergangenheit. „Wir sehen immer mehr solcher Studien“, sagt Penny Goldberg, Chefredakteurin der renommierten Fachzeitschrift „American Economic Review“.

Entsprechend bedeutet der Aufstieg der Wirtschaftsgeschichte noch lange nicht, dass die Universitäten mehr Lehrstühle dafür einrichten, wie der Frankfurter Historiker Werner Plumpe feststellt. Zumal die Ökonomen in der neuen Modewelle an die Geschichte auf andere Weise herangehen als die traditionellen Historiker.

Jetzt interessieren sich Historiker für Aktuelles

Wo die Historiker bisher eher spezielle Epochen untersuchten wie die industrielle Revolution oder das Wirtschaftswunder und daraus später Lehren zogen, ist die Idee in vielen neueren Studien umgekehrt: Dann gehen die Forscher von einer aktuellen Frage aus und suchen die Geschichte nach möglichst vielen Phasen ab, in denen ähnliche Fragen eine Rolle spielten. Dann zählen sie, welche Faktoren damals relevant waren. „Interessant ist an der Wirtschaftsgeschichte, ob die Geschehnisse unsere Theorien verbessern können“, sagt Michael Burda, Vorsitzender der deutschen Ökonomen-Vereinigung „Verein für Socialpolitik“.

Auf diese Weise haben zum Beispiel die Ökonomen Alan Taylor und Moritz Schularick festgestellt: Solange die Zentralbank nur viel Geld druckt, wie sie es derzeit in der Euro-Krise tut, so lange gibt es meist keine Finanzkrisen. Richtige Finanzkrisen drohen in den meisten Fällen erst, wenn die Wirtschaft stärker auf Kredit läuft. Was hingegen auch ohne Kredite gut möglich ist, wenn viel Geld im Umlauf ist, sind Spekulationsblasen.

Ist das übertrieben?

Mancher glaubt, mit solchen Analysen übertrieben es die neuen Geschichtsschreiber. Der italienische Historiker Francesco Boldizzoni kritisiert, viele dieser mathematischen Zählungen seien zu einfach gestrickt, beim Auszählen würden viele andere Faktoren übersehen, die ebenfalls eine Rolle spielen. Doch die neuen Wirtschaftshistoriker wie Hans-Joachim Voth glauben, dadurch würden viele neue Erkenntnisse erst möglich. Dabei geht es längst nicht nur um die Finanzkrise.

In Los Angeles zum Beispiel hat die Wirtschaftsforscherin Dora Costa untersucht, wie Offiziere im amerikanischen Bürgerkrieg ihre Soldaten bei Laune gehalten haben. Und hat so einiges darüber herausgefunden, mit welchen Methoden Manager heute ihre Firmen führen können. Sie wies nicht nur statistisch nach, dass es hilft, mit gutem Beispiel voranzugehen. Sondern sie hat für Führungskräfte auch einen geldwerten Tipp parat: Bloß weg vom Land, rein in die Stadt. Nach dem Krieg zogen viele Offiziere in die Stadt, und es hat ihnen viel Geld gebracht. Offenbar können vor allem Führungskräfte aus ihren Fähigkeiten dort viel mehr machen.

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