https://www.faz.net/-gqe-z3mx

Arme Oberschicht : So lebt das reichste Prozent der Deutschen

Und so geschieht es. Im „Sozialstaatssurvey“, einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Bundesregierung, wurden die Deutschen gefragt, ab welchem Einkommen sie jemanden für reich halten. Das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Universität Frankfurt hat die Frage für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung neu ausgewertet - und festgestellt: Die Ärmsten setzten die Grenze niedrig an, im Durchschnitt bei rund 7700 Euro Bruttoeinkommen pro Monat. Je mehr Geld die Menschen haben, desto weiter rutscht die Reichtumsgrenze nach oben - als ob echter Reichtum nie zu erreichen wäre. Nur die wenigsten aus der statistischen Oberschicht halten sich tatsächlich für reich. Das ist menschlich. Wer mehr Geld verdient, ist zwar zufriedener mit seinem Einkommen, wie Zahlen aus dem Sozioökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen. Aber reich, das sind immer die anderen. „In Interviews sagen die Menschen meistens: ,Ich bin nicht reich. Bill Gates ist reich.‘ Ihnen fällt immer noch etwas ein, das ihnen zum Reichtum fehlt“, sagt der Soziologe Oliver Nüchter von der Universität Frankfurt.

Man bleibt unter sich

Für die meisten Reichen ist es leicht, sich über den eigenen Reichtum hinwegzutäuschen. Tatsächlich gibt es ja immer noch jemanden, der nicht den 5er-BMW fährt, sondern eine S-Klasse. Der nicht nur eine Häuschen in Nußloch hat, sondern je eine Villa in München, Marrakesch und Miami. Davon sind die ärmeren Reichen weit weg. „Man vergleicht sich mit den Leuten, die Millionen haben - und übersieht, dass das nicht die Masse der Bevölkerung ist“, sagt Andreas Peichl, Ökonom am Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. „Auch bei der Arbeit haben viele ja noch Chefs über sich.“

Nach Feierabend serviert dann das Fernsehen in Komödien und Seifenopern eine wohlhabende Scheinwelt, in der 18-Jährige im eigenen Großstadtloft heranwachsen, Lehrerfamilien in weißen Stuckpalästen residieren und einfache Hauptkommissare im 7er-BMW zum Tatort düsen.

Auch im richtigen Leben trifft die Oberschicht kaum mal ärmere Leute. Freunde und Bekannte haben mindestens ebenso viel Geld, man tritt sie am Wochenende beim Walldorfer Italiener „Riviera“, wo Carlo, der singende Wirt aus Sizilien, mit seinen kleinen Frechheiten die Pasta speisende Oberschicht amüsiert. Zum Espresso werden dann ernste Themen aufgetischt, die Bildung der Kinder etwa. Oder mit welcher Summe man sich an dem im Ort geplanten Photovoltaik-Feld beteiligen sollte, für eine grüne Zukunft und goldene Renditen.

In Amerika verdienen die Reichen mehr als 250.00 Dollar im Jahr

Auch auf den Häuserdächern am Hang prangen die Sonnenkollektoren, die Oberschicht hält mit ihrem versammelten Reichtum die Immobilienpreise auf hohem Niveau. Seit der benachbarte SAP-Konzern weltweit erfolgreich ist, sind die Häuser in Nußloch teuer, und auch die Reichen können sie sich nicht mir-nicht-dir-nichts leisten. Und da immer mehr Leute genauso leben wie man selbst, fällt gar nicht mehr auf, wie viele Menschen weniger Geld haben.

Dieses Phänomen gibt es auf der ganzen Welt. Forscher einer argentinischen Universität haben es zum Beispiel in ihrem Heimatland wiedergefunden. Obwohl die sozialen Unterschiede in Argentinien deutlich größer sind als in Deutschland, ordnet sich auch dort fast jeder in die Mittelschicht ein, wie eine Umfrage von Guillermo Cruces und seinen Kollegen zeigt. Zwar erkennen die meisten noch richtig, ob sie überdurchschnittlich oder unterdurchschnittlich verdienen. Aber wie weit sie von der Mitte weg sind, das fällt weder den Armen noch den Reichen auf.

Diese Fehleinschätzung kann die politische Einstellung verändern, wie das Beispiel der Reichen in Amerika zeigt, die mehr als 250.000 Dollar im Jahr verdienen. Das Umfrageinstitut Gallup hat erfragt, dass rund 60 Prozent dieser Amerikaner ihre eigenen Steuern zu hoch finden. Gleichzeitig sind aber zwei Drittel derselben Befragten der Ansicht, dass die Reichen nicht etwa zu viel Steuern zahlen, sondern genau die richtige Summe oder sogar noch zu wenig. Wären nicht immer die anderen reich, würde die Meinung wohl anders ausfallen, sagt Ökonom Peichl.

Frank Palmer sitzt mit einem Freund vor dem „Riviera“, Wirt Carlo singt und schenkt mit der Rechten Wasser nach, sie steckt in einem weißen Handschuh. Der Freund erzählt, er wolle wieder in die Stadt ziehen, nach Heidelberg-Neuenheim, ein Haus bauen. „Wow“, sagt Palmer, das sei wahrer Reichtum. „Da kostet der Quadratmeter doch locker 1000 Euro.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Sandra Maischberger

TV-Kritik „Maischberger“ : Durcheinander als Unterhaltung

Nun wird Sandra Maischberger künftig mehrere Themen einer Woche aufgreifen und in wechselnder Besetzung erörtern. Auch der neue Anlauf wirkt nicht überzeugend. Das gilt für das Arrangement ebenso wie für die Details.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.