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Arme Oberschicht : So lebt das reichste Prozent der Deutschen

Korken knallen an diesem Abend keine, der Champagner bleibt im Keller. Oberschichts-Dekadenz sieht anders aus. Dennoch würden sich die meisten der vorbeischlurfenden Passanten hier wohl mit der Rechnung übernehmen, sind viele doch bereits mit den Mieten im Viertel überfordert, die in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Das habe jedoch nichts mit Oberschicht zu tun, findet die gut aufgelegte Vierergruppe vor der „Goldenen Gans“, „das Viertel war vorher schlicht unterbewertet, die Immobilienpreise gleichen sich doch jetzt nur anderen Stadtteilen an“.

Wehren mit Händen und Füßen

Was Oberschicht ist - kommt das nicht immer darauf an, mit wem man sich vergleicht? Ist es noch Luxus, wenn in der immer noch als Promitreff vermarkteten Sylter „Sansibar“ Krethi und Plethi in rauen Mengen Wildlachsfilet für läppische 17 Euro den Teller ordern, dazu das Gläschen Weißburgunder von der Mosel für nicht mal einen Heiermann? Ist es elitär, wenn Frank Palmer in Nußloch mit gerade mal 36 Jahren am teuersten Flecken im ganzen Rhein-Neckar-Kreis auf 500 Quadratmetern baut, wo der Quadratmeter Grund bis zu 650 Euro kostet – das Fünffache des Bundesdurchschnitts? Die Kollegen bauen doch schließlich auch. Der Bürgermeister von Nußloch berichtet vom nächsten Neubaugebiet, dessen Genehmigung die Gemeinde erst vor ein paar Wochen abgeschlossen hat, an einem anderen Hang gelegen, direkt am Rand des Odenwalds. „220 wunderschöne Grundstücke“, sagt Karl Rühl und lehnt sich zufrieden in seinem Amtszimmer zurück. „25 Bauanträge sind schon gestellt, das ging ganz schnell.“

Die Oberschicht zieht der Oberschicht hinterher. 500 Euro hat die Gemeinde Nußloch im Jahr 2009 im Schnitt von jedem ihrer Bürger als Einkommenssteueranteil erhalten, der höchste Betrag aller Kommunen im Kreis. Wer bei SAP gut verdient und nicht jeden Tag nach Heidelberg fahren will, der wohnt am Hang, bringt seine Kinder für 200 Euro im Monat in die Krippe „Apfelbäumchen“, die vor ein paar Monaten den „Pädagogik-Innovationspreis“ des Landes Baden-Württemberg erhalten hat und vor deren Räumen sich um 17 Uhr die Dienstwagen stauen. Kollegen treffen auf Kollegen, Nachbarn auf Nachbarn. Alles normal. „Das ist doch nicht Oberschicht“, sagt Frank Palmer. Ist es aber doch.

Woran liegt es, dass mindestens 400.000 Deutsche statistische Oberschicht sind, die meisten von ihnen sich aber gegen diese Bezeichnung mit Händen und Füßen wehren würden?

„Ich bin nicht reich. Bill Gates ist reich.“

Niemand will selbst reich sein. Denn Reichtum wirft eine Menge schwieriger Fragen auf - das zeigt eine noch unveröffentlichte Reichenbefragung des Boston College, über die das amerikanische Magazin „Atlantic“ berichtet hat: Muss ich jetzt viel Geld spenden? Muss ich darauf achten, dass ich meine Kinder mit dem Reichtum nicht verziehe? Mögen mich meine Freunde wirklich, oder mögen sie nur mein Geld? Und wenn sie tatsächlich mich mögen, sollte ich sie im Restaurant einladen oder gerade das vermeiden? Da ist es doch bequemer, das Geld auf dem Konto zu haben, sich aber selbst zur Mittelschicht zu zählen.

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