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Arme Oberschicht : So lebt das reichste Prozent der Deutschen

Der Wert bezieht sich auf die „Summe der Einkünfte“, also auf das zu versteuernde Einkommen vor Spenden und anderen Sonderausgaben – und zwar auf die einzelnen Personen, egal ob sie allein oder gemeinsam mit ihrem Ehepartner veranlagt sind. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2004, für das die letzte umfassende Steuerstatistik erstellt wurde. Seitdem sind die Gehälter nicht übermäßig gestiegen – und auch das Einkommen des reichsten Prozentes hat sich nicht von dem der anderen Deutschen wegentwickelt, wie Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen (siehe Grafik). Andere Quellen sehen die Grenze in ähnlicher Größenordnung.

Die Oberschicht wohnt nebenan

Sind 126.000 Euro nun viel oder wenig? Wenig, lautet im Frankfurter Bankenviertel die leicht verschämte Antwort, wer liege denn darunter? Doch es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen, die das einkommensstärkste Prozent stellen, die Banker, die freiberuflichen Fachärzte, die Unternehmensberater, die Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte – Menschen, die von der Volksseele ohnehin zur finanziellen Oberschicht gezählt werden.

Die Überraschung ist: Es sind die ganz normalen Angestellten der großen Industrieunternehmen, die mehr als 126.000 Euro verdienen und damit in das oberste Prozent fallen. Oft sogar bereits, ohne Abteilungsleiter zu sein, ohne Personalverantwortung für Untergebene zu tragen. IT-Spezialisten sind rar und teuer, deshalb sind allein beim Software-Konzern SAP im Rhein-Neckar-Kreis Tausende Angestellte Teil der Oberschicht, viele von ihnen haben es sich am Nußlocher Hang bequem gemacht. Bei Börsen und anderen Unternehmen, die mit Computerspezialisten durchsetzt sind, bedeuten 126.000 Euro nach Einschätzung des Ernst & Young-Gehaltsexperten Jens Maßmann gerade mal den Durchschnittsverdienst.

Beim Autobauer Daimler gehören allein in Deutschland Tausende den Gehaltsklassen E3 und höher an, in guten Jahren überschreiten sie die Grenze zur Oberschicht – Beschäftigte, die vier bis fünf Hierarchiestufen unter dem Vorstand rangieren. Bei Daimler zählen selbst Büroleiterinnen, die im Hauptsekretariat die Termine der Vorstände führen, zum obersten Einkommensprozent der Deutschen. Die Oberschicht ist mitten unter uns, sie wohnt nicht nur in den Villen in Hamburg-Blankenese und am Starnberger See, sie wohnt meist nebenan.

Die Einkommenselite im Polohemd

Wie in Ottensen, einem alten Hamburger Arbeiterviertel, gelegen zwischen Elbe und Reeperbahn, seit jeher beliebt bei Spontis, Studenten, Grünen-Wählern. Altbauten, Kopfsteinplaster, die Nähe zum Elbstrand, das alles zieht mittlerweile auch die Sehr-Gutverdiener an. Der Zuzug der Reichen in die städtischen Szeneviertel gibt der unbekannten Oberschicht ein Gesicht, auch wenn man genau hinschauen muss. In der Großen Brunnenstraße etwa fällt die Einkommenselite im Polohemd kaum auf, an einem schönen Abend im Mai sitzt sie vor der „Goldenen Gans“ vor Silberbesteck auf weißem Tuch, links und rechts lottern die unsanierten Altbauten. Der Freundeskreis am Nebentisch hat sich nach der Arbeit schnell zusammentelefoniert, weit nach Hause hat es keiner. Alle wohnen im Viertel, in ganz normalen Wohnungen, keinen Lofts. Die Gespräche drehen sich um den geplanten Urlaub in Südfrankreich, geordert wird gebratenes Wolfsbarschfilet, dazu fließt drei Jahre alter Gigondas von der Rhone, die Flasche zu 44,50 Euro. Das frittierte Risottobällchen vorweg ist umsonst, „ein Gruß aus der Küche“.

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