https://www.faz.net/-gqe-6kena

Amerikanische Ökonomen : Rajan streitet mit Krugman über eine Zinserhöhung

Raghuram Rajan ist 1963 in Indien geboren. Als Diplomatenkind lernte er früh die Welt kennen. Bild: Verena Müller

Raghuram Rajan war IWF-Chefökonom und ist ein intelligenter Provokateur: Er fordert, dass die amerikanische Zentralbank Fed die Zinsen erhöht - und erregt damit den Zorn seines Kollegen Krugman.

          Wenige Tage bevor sich die Elite der Geldpolitiker und monetären Ökonomen zu ihrem alljährlichen Treffen in Jackson Hole in den Rocky Mountains versammelt, hat ein prominentes Mitglied des akademischen Establishments die Vertreter der Mehrheitsmeinung in der Branche provoziert. Trotz schwacher Konjunktur und hoher Arbeitslosigkeit müsse die amerikanische Zentralbank Fed ihren Leitzins von null auf 2 Prozent erhöhen, forderte Raghuram Rajan öffentlich.

          Rajan ist nicht irgendjemand. Der Chicagoer Wirtschaftsprofessor war zuvor mehrere Jahre lang Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Und vor allem hatte er auf dem geldpolitischen Prominententreffen von Jackson Hole im Jahr 2005 in Anwesenheit des damals noch hochgeschätzten und allmächtigen Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan dessen Politik heftig kritisiert und vor einer schweren Krise gewarnt. Greenspan sowie namhafte amerikanische Ökonomen hatten Rajans Kritik damals zurückgewiesen. Heute gilt Rajan als ein Mann mit großer Weitsicht.

          Dauerhafter Niedrigzins verlocke die Banken

          Der 47 Jahre alte gebürtige Inder gehört mit seinen Kollegen wie Dani Rodrik (Harvard) oder Daron Acemoglu (MIT) zu jener Generation von in Amerika lehrenden Ökonomen, die allmählich die Deutungshoheit in ihrer Branche übernehmen und die vor allem die häufig ideologisch motivierten Streitigkeiten ihrer Vorgänger ebenso als Zeitverschwendung ablehnen wie die Verehrung alter Meister. „Keynes gegen Friedman - das ist der Streit von früher“, sagt Rajan.

          Sieht ein völliges „Desaster für die Wirtschaft”: Nobelpreisträger Paul Krugman

          Auch der Geldpolitik nähert sich Rajan undogmatisch. Dass die Fed in der Krise den Leitzins auf nahe null Prozent senkte, kritisiert er nicht - wohl aber, dass die Fed den Leitzins lange auf diesem Niveau hält. Denn ein dauerhafter Niedrigzins bringe einige Risiken mit sich. Er verlocke die Banken zu neuerlichen Spekulationen, verhindere einen notwendigen Rückgang der Häuserpreise und erzeuge auf die Dauer Inflationsgefahren, auch wenn aktuell Inflation keine Gefahr darstelle.

          „Desaster für die Weltwirtschaft“

          Damit stellt sich Rajan öffentlich nicht zuletzt gegen die Fed und deren Vorsitzenden Ben Bernanke, obgleich er Bernanke eigentlich als einen „sorgfältigen“ und „sehr guten“ Ökonomen schätzt. Dass er seine Provokation ausgerechnet wenige Tage vor der Konferenz von Jackson Hole veröffentlichte (auf der Rajan anwesend sein wird), ist kaum zufällig (siehe Die Prominenz reist nach Jackson Hole).

          Während Bernanke schweigt, sah sich der Nobelpreisträger Paul Krugman in seinem Blog zu einer vehementen Replik auf Rajan veranlasst. Krugman warf dem Kollegen aus Chicago vor, dass nicht erkennbar sei, welches Modell der Wirtschaft Rajan seinen Überlegungen zugrunde lege. In seinem eigenen Modell der Wirtschaft, betonte Krugman, führten die von Rajan geforderten Zinserhöhungen inmitten einer Schwächephase zu einem „völligen Desaster für die Wirtschaft“.

          Marktwirtschaftler, die den Markt nicht als Götzen anbeten

          Rajan sorgte vor wenigen Monaten mit einem Buch zur jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise für Aufsehen. Darin beschied sich Rajan nicht mit den handelsüblichen einfachen Erklärungen über die Krisenursachen, sondern holte weit aus. Mit dem Blick des aus einem armen Lande Stammenden thematisierte Rajan die erhebliche Ungleichheit in den Vereinigten Staaten im Zusammenwirken mit dem dort nur schwach ausgebauten sozialen Netz als eine Ursache des Übels.

          Ungleichheit und geringe soziale Leistungen hätten die amerikanischen Regierungen dazu getrieben, den Armen unkompliziert zu einer Immobilie zu verhelfen, um deren Wählerstimmen zu gewinnen. Die geringe soziale Sicherung in den Vereinigten Staaten betrachtet Rajan auch als Problem, weil sie Regierung und Notenbank veranlasse, durch eine zu expansive Politik alles zu unternehmen, um die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. In dieser sehr expansiven Politik sieht Rajan ebenso eine Krisenursache wie in dem Aufbau hartnäckiger Leistungsbilanzsalden zwischen Überschussländern wie China und Deutschland sowie Defizitländern wie den Vereinigten Staaten.

          Was Ökonomen wie der gebürtige Inder Rajan oder die gebürtigen Türken Rodrik und Acemoglu neben ihrer Fachkenntnis und ihrem Intellekt in die ökonomischen Debatten einbringen, sind die Erfahrungen aus ihren Herkunftsländern und die dortigen Denktraditionen. Sie verstehen sich als Marktwirtschaftler, ohne den Markt als Götzen anzubeten und ihn für unfehlbar zu halten. Sie sind alles andere als staatsgläubig, aber sie verdammen den Staat auch nicht. Ihnen gehört die Zukunft.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.