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Amerika und die Schulden : „Viele der Probleme liegen hinter uns“

Jan Hatzius von Goldman Sachs: „Ich bin eigentlich, was die Zukunft angeht, einiges optimistischer als noch vor fünf Jahren” Bild: Tobias Everke

Eine Ratingagentur hat den Ausblick für Amerika gesenkt, doch der neue Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jan Hatzius, warnt vor einem zu raschen Schuldenabbau. Noch sind die Kapazitäten bei weitem nicht ausgelastet und die Arbeitslosigkeit hoch.

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          Die Entscheidung der Ratingagentur Standard & Poor's, den Ausblick für langfristige amerikanische Staatsanleihen auf negativ zu stellen, hat für Unruhe an den Finanzmärkten gesorgt. Jan Hatzius aber bleibt gelassen. „Ich sehe keine Hinweise, dass wir vor einer Fiskalkrise stehen“, sagt der Chefökonom von Goldman Sachs. Der öffentliche Schuldenstand sei zwar höher als noch vor ein paar Jahren, aber er liege nicht außerhalb der Spanne, die man in Amerika in der Nachkriegszeit gesehen habe. „Keine Frage, dass man eine kräftige fiskalpolitische Verschärfung in den nächsten fünf Jahren sehen muss. Das muss aber nicht im nächsten Quartal kommen.“

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Mahnung des Ökonomen vor einem zu rapiden Abbau des Staatsdefizits in diesem und im kommenden Jahr gründet in seinem Bekenntnis zu einer aktiven Konjunkturpolitik, wie es in Amerika weit verbreitet ist. Die Kapazitäten sind noch sehr unterausgelastet. Die Arbeitslosenquote liegt bei 8,8 Prozent. Nach Analyse von Goldman Sachs sind das rund 3 Prozentpunkte mehr als die strukturelle Arbeitslosenquote, die etwa den Normalzustand beschreibt. Ende 2012 soll die Arbeitslosigkeit immer noch bei 8 Prozent liegen.

          Den fiskalischen Anpassungsbedarf der Vereinigten Staaten, der sich unabhängig von den in einer Erholung steigenden Steuereinnahmen stellt, beziffert Hatzius auf mindestens 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Eine solche Anpassung haben in den vergangenen Jahrzehnten nur kleinere Volkswirtschaften vollbracht, Belgien, Irland oder Schweden in den achtziger Jahren, Griechenland und wieder Schweden in den Neunzigern. Sorge, dass die Parteien in Washington sich vor der schwierigen Anpassung drücken, hat Hatzius nicht. „Die Konsolidierung wird in die Zukunft verschoben, aber man hat auch gute Argumente dafür, damit nur sehr langsam anzufangen. Diese Argumente werden weniger gut, wenn man mehr in Richtung Vollbeschäftigung geht. Dann ändert die Wirtschaftspolitik auch ihre Meinung.“

          Den Hauptgrund der Krise sieht Hatzius im Versagen der Wirtschaftspolitik und der Regulierung

          Seit diesem Jahr ist der 1968 in Heidelberg geborene Hatzius Chefvolkswirt der Investmentbank, eine seltene internationale Karriere für einen deutschen Ökonomen. Von seinem zweckmäßig eingerichteten Büro in der neuen Zentrale von Goldman Sachs bietet sich ein weiter Blick über den Hudson nach New Jersey. Fotoaufnahmen während des Interviews sind in den Raum nicht erlaubt. Die neue Zentrale der Investmentbank liegt im Süden Manhattans, direkt neben der Baustelle des World Trade Centers. Das schlichte, aber elegante Gebäude strahlt eine Sachlichkeit aus, die sich auch in der besonnenen Analyse von Hatzius findet. Schrille Aufgeregtheiten wie Katastrophenwarnungen vor dem Ende der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten sind seine Sache nicht.

          „Ich bin eigentlich, was die Zukunft angeht, einiges optimistischer als noch vor fünf Jahren. Viele der Probleme, die wir beim Platzen der Immobilien- und privaten Kreditblase gesehen haben, liegen hinter uns.“ Die finanziellen Ungleichgewichte im Privatsektor seien ganz erheblich abgebaut worden. „Der entscheidende Beweggrund für die Kreditblase war nicht eine psychologische Entscheidung der Amerikaner, dass sie über ihre Verhältnisse leben wollten“, blickt er zurück. „Der entscheidende Faktor war, dass es den privaten Haushalten möglich war, Kapitalgewinne aus dem Aktien- oder Immobilienmarkt zur Finanzierung des Konsums heranzuziehen. Das wird in den nächsten zehn Jahren nicht mehr möglich sein.“

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