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Wirtschaftshistoriker : Vom Freigeist zum Rechtsradikalen

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Blasse Kopie eines Originals: Dieses Porträtfoto von Rolf Peter Sieferle machte er selbst in seinem Kopiergerät, wie es die Vorgaben für den Band „Neue Urbanität“ (2003) vorsahen. Bild: GTH Verlag

Als die Flüchtlinge kamen, schrieb Rolf Peter Sieferle giftige, rechtsradikale Bücher. Dann nahm er sich das Leben. Die Geschichte einer spätbürgerlichen Verbitterung.

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          Es ist Herbst. Hunderttausende Dschihadisten strömen nach Deutschland. Kein Polizist hindert sie am Grenzübertritt. Das ist die Rache der Linken, auch der „Katastrophengestalt“ Angela Merkel, die den Niedergang des Sozialismus nicht vergessen haben. Sie wollen die bürgerliche Gesellschaft zerstören. Das Volk müsste vor Schreck erstarren, doch es ist blöd geworden vor lauter Spaß. Die Funktionseliten der bürgerlichen Gesellschaft hingegen, alle Parteien, Wirtschaftsverbände und die Medien, feiern das Geschehen als Ausdruck großer Humanität, als ein buntes Abenteuer oder spekulieren zumindest, diese Einwanderung werde dem überalterten Land nötige Pflegekräfte zuführen.

          So sah Rolf Peter Sieferle – zusammengefasst, teils aber in seinen eigenen Worten – die Ereignisse von 2015. Und er blickte in die Zukunft. Die erschien ihm nicht mehr lebenswert. Er war überzeugt, die Barbaren übernähmen. Nach einer Phase der Anarchie und des Chaos, so hätten die Linken gehofft, würden sie den Kommunismus wiederbeleben können. Doch sie hätten sich geirrt. Der Islam sei stärker gewesen, prophezeit Sieferle. An der Stelle des Rechts- und Sozialstaats: Stammeskämpfe, Recht des Stärkeren.

          Rolf Peter Sieferle galt als ein außergewöhnlich feingeistigster Historiker. Sein Essay „Rückblick auf die Natur“ sei ein „Meisterwerk sozialökologischer Universalgeschichte“ gewesen, erinnert sich die Industrieökologin Helga Weisz von der Berliner Humboldt-Universität. Sieferle sei einer der großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gewesen. Er formuliere originell, stilistisch hervorragend, anschaulich, anregend und feurig, schrieb Franziska Augstein schon vor zwanzig Jahren im Feuilleton dieser Zeitung. Einem großen Publikum fiel Sieferle niemals auf. Er schrieb wirtschaftshistorische Werke über die Energiegeschichte, die Umweltgeschichte, die marxistische oder konservative Ideengeschichte: „Der unterirdische Wald“, „Fortschrittsfeinde?“, „Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt“, viele weitere. Er war nie als politischer Ideologe in Erscheinung getreten. Er umschiffte Worte, die ihm als Floskeln oder Kampfbegriffe erschienen: Moderne und Diskurs, Faschismus und Fortschritt, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Sein Spätwerk ist anders.

          Am 17. September 2016 nahm Sieferle sich das Leben. Er erhängte sich auf dem Dachboden seiner Villa in Heidelberg. Zuvor hatte er seine letzten drei Bücher abgeschlossen. Sie standen unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise und seiner Krebserkrankung. Auch sagten ihm die Ärzte voraus, er werde sein Augenlicht verlieren.

          „Das Migrationsproblem“ erschien 2017 in der „Tumult“-Reihe, die sich früher als links verstand, heute als rechts. Es findet großen Absatz. Die Rechten erklären ihn nun zum Propheten. Sieferle: einer von ihnen? Er schreibe auf einem „Niveau, das unsere Damen und Herren der Qualitätspresse vermutlich nie erreichen werden“, erklärt die Rezensentin auf einem rechten Youtube-Kanal. Als „fraglos in einer Liga mit Max Weber“ klassifiziert ihn die rechtskonservative Zeitung „Junge Freiheit“. Diese allerdings hatte zuvor von seinem Werk nicht Kenntnis genommen: Im Archiv findet sich kein Zitat und keine Buchbesprechung Sieferles.

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