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Wirtschaftshistoriker : Vom Freigeist zum Rechtsradikalen

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Seit 2014 war er nicht mehr der Alte, sagen Freunde. Verbittert, todernst, vereinsamend. Die Aussicht, sein Augenlicht zu verlieren, musste die Aussicht auf ein Leben ohne Inhalt sein. Der Beobachter beobachtet nicht mehr. Sieferle verliert seinen feinen Stil, seine Poesie, die Neugier. Am Ende steht die Wahrnehmung totaler Auflösung. Der Flüchtlingszustrom erscheint Sieferle wie eine Erfüllung der Prophezeiungen, die er 1994 machte und die niemand zur Kenntnis nahm. Erstmals bezieht er einen politischen Standpunkt.

Marx ist erledigt, die bürgerliche Intelligenz wird seinen Idealen nicht gerecht. Es bleibt ihm: rechts außen. Völkisch gewissermaßen im kulturellen Sinne, nicht als Rassist. Identitär, wortwörtlich: national-sozialistisch. Sieferle schreibt: Der Relativismus sei „ein Virus, das auch in das Individuum selbst eindringen kann und seine Identität in zahllose Fragmente zerlegt“. Solche Sätze ähneln plötzlich wie ein Zwilling der NS-Propaganda. Er beschwört den Krieg, die „Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod“. Er verachtet offen das politische System, das „ohne Fokus, ohne Werte, Ziele und Programme“ sei. „Freiheit und Emanzipation für die Individuen“ sind ihm keine tragfähigen Werte, die er nur unter dem Aspekt der Auflösung und Dekadenz zu betrachten imstande scheint. Er erklärt den Individualismus wie ein Sozialdarwinist als „evolutionär instabil“ und freut sich voller Gehässigkeit an der „erodierende(n) Macht weicher Medien“.

Es siegt der Barbar. Sieferle weiß dabei gar nicht, dass sein „Finis Germania“, sein rechtestes Spätwerk, veröffentlicht wird. Es liegt als Sammlung kurzer Essays auf seinem Computer. Er selbst gibt es keinem Verlag. Das tut seine Witwe.

Gott hält er für ein imaginiertes Betäubungsmittel. Mitgefühl und Hoffnung auf unwahrscheinliches Gelingen sind einem Denker wie ihm keine relevanten Kategorien. Seine Lebens- und die Weltgeschichte mündeten ineinander und führten ausweglos gegen die Wand. Auf der Trauerfeier erinnert die Trauerrednerin an Sieferles umfassende Bildung, an seine Poesie: „Wer im heutigen Wissenschaftssystem kann so schreiben und sprechen?“ Auch sagt sie: „Die Faszination, die von seiner systemischen, interdisziplinären Sichtweise ausging, angereichert und erprobt an genauer Kenntnis der Geschichte und seiner unerreicht poetischen Sprache, hat niemals wieder nachgelassen.“ Die Wissenschaft weint um den alten Sieferle.

Seine Asche liegt auf dem Heidelberger Bergfriedhof, das Grab ist nur mit seinen Initialen markiert: „R.P.S.“ Sein letztes Werk war ein wohlkalkuliertes Nachtreten gegen ein „System“, das seine Erwartungen enttäuscht und seine Analyse abgelehnt hatte. Er hat sich spät entschieden, seinen allerersten Molotowcocktail zu werfen: auf die Demokraten. Sein Rechtsruck war der Sprengstoff, den er der Bourgeoisie hinterließ.

Die Recherche basierte auch auf Gesprächen mit Freunden Sieferles, die anonym bleiben wollten.

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