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Wirtschaftshistoriker : Vom Freigeist zum Rechtsradikalen

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Er hat defätistischen Witz: „Der einzige ästhetische Trost, den die Erzeugnisse der Architektur spenden, ist die Aussicht auf ihren baldigen Abriß.“

Im Herbst 2012 lernte ich ihn kennen. Daher kam meine Neugier, als ich sah, was aus ihm geworden war. An diesem Samstag ging es um die Energie- und die Agrarwende. In der „Max Bar“ in Heidelberg schien er sich zu freuen, dass sich mal ein Journalist für sein Werk interessierte und nahm sich Stunden Zeit. Wir mussten drinnen sitzen, weil er schon an dieser Augenkrankheit litt und sich von der Sonne fernhalten musste.

Sieferle sagte: „Mit der Industrialisierung konnte man auf den ,unterirdischen Wald‘ fossiler Energieträger zurückgreifen, so dass der Druck auf die Fläche abnahm. Brennstoffflächen wurden durch Kohle und Erdgas, Treibstoffflächen durch Mineralöl ersetzt. Man benötigte nur noch Nahrungsflächen. Große Flächen wurden für andere Nutzungen frei, zum Beispiel für den Natur- und Landschaftsschutz. Mit der Energiewende erleben wir eine Rückkehr der Fläche. Die Beanspruchung von Flächen aller Art nimmt drastisch zu. Die Zusammenhänge sind komplex und werden in der Öffentlichkeit kaum verstanden.“

Das überhaupt war sein Schicksal. Die Mediendemokratie bietet kleine Nischen für Pessimisten. Quote und Komplexität vertragen sich wie Katze und Maus. Wissenschaft dringt, jenseits massentauglicher „Experten“, selten an die Öffentlichkeit; insbesondere Geistes- und Sozialwissenschaft. Darunter litt Sieferle. „Er hatte ein Bewusstsein, dass wir in einer überkommunizierenden Gesellschaft leben“, sagt ein Freund. Und es ging ihm nicht nur um sich: „Er hatte eine gewisse Trauer über den Verlust des bürgerlichen Denkens, des bürgerlichen Unterscheidungsvermögens.“

Sieferle litt an Einsamkeit, auch im Inneren der Wissenschaft. Er mied Tagungen. Er verachtete Wissenschaftler, die ihr Forschungsinteresse den staatlichen oder wirtschaftlichen Fördervorgaben oder den Karrierechancen anpassten. „Systemwissenschaftler“ nannte er sie, schon mit der Verachtung des gekränkten Narzissten, als der er sterben sollte. Sieferle lebt lange als Privatgelehrter und von einzelnen Lehraufträgen, die Stuttgarter Breuninger Stiftung unterstützt ihn, erst mit Mitte fünfzig erhält er eine ordentliche Professur.

1994 erscheint sein „Epochenwechsel“, das ihm das wichtigste Werk war. Der Fall des Sozialismus bedeute nicht das Ende der Geschichte oder der Ideologien, wie die damalige Deutung lautete, sagte Sieferle darin voraus. Die liberalen Gesellschaften schienen ihm instabil. Er sieht einen kurzen Weg von der Verflachung der Kultur zur Barbarei. Er sieht den Migrationsdruck. Und er deutet den Rechtsruck an, der jetzt durch die westliche Welt geht. Sein Wissen über die Endlichkeit der Ressourcen kommt hinzu. Die Ökologie ist für ihn die Klammer, die Wirtschaft, Kultur und Geschichte verbindet.

Sein aus seiner Sicht großes Werk wird kaum beachtet. Es gibt einen Verriss in der „Zeit“, kaum Reaktion der Feuilletons. Einige Jahre später aktualisiert Sieferle den Text. Wohl wegen schon hier vorkommender verschwörerischen Passagen von „Auschwitz-Mythen“ und der Obligation zum deutschen Verschwinden meint er, dafür werde er keinen Verlag finden. Der Text steht im Netz. „Dass sein Opus magnum nicht beachtet wurde, kränkte ihn zutiefst“, sagt ein Freund. Sieferle lässt die Finger von weiteren Zukunftsentwürfen. Erst mal.

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