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Wirtschaftshistoriker : Vom Freigeist zum Rechtsradikalen

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Mit 19 Jahren schreibt er sich im Sommer 1968 in Heidelberg für Geschichte und Soziologie ein. Heidelberg wählt er, weil dort die Revolution stattfindet. Die Studenten träumen von der Anarchie und dem Maoismus, sie wählen Sieferle zum Vorstand des sozialistischen Studentenbunds SDS. Sieferle träumt nicht. Er stellt sich bald nicht mehr zur Wahl. Während andere rote Bürgerkinder in den Neckarauen trainieren, Molotowcocktails gegen Polizisten zu werfen, während sie über Marx schwadronieren, liest er ihn. Er kommt zum Schluss, die Studentenbewegung sei tief illusorisch. Mit Freunden diskutiert er im „Club Liberté“ lieber über Geschichte und Politik. Privat fotografiert Sieferle. Gern sich selbst. Es entsteht eine Reihe von Selbstporträts. Auf denen inszeniert er sich mit strengem Blick als Pessimisten, er sieht aus wie der junge Nietzsche. Ernst, weitblickend und mit zusammengezogenen Augenbrauen. Auch weich, fast weiblich. Das letzte Genie.

Sieferle lebt für die Wissenschaft. Als junger Mann verliebt er sich in die Tochter eines Rabbiners. Er lernte bald seine spätere Frau kennen, heiratet sie und bleibt immer mit ihr zusammen. Kinder will er nicht, sie stören ihn. Er lehnt Fußball und das Tragen von Jeans ab und Männer, die in Unterhemden draußen in der Sonne sitzen. Prole drift: Selbst die Intelligenz orientiere sich an den Unterschichten. Ein Merkmal des Niedergangs. Er fühlt sich im Kreis bürgerlicher Eliten wohl. Regelmäßig trifft er sich mit Professoren und Unternehmern, mit humanistisch gebildeten Freunden im Café Knösel in der Heidelberger Altstadt. Manche wissen bis heute nicht, was seine Eltern machten. Privates langweilt ihn.

Seine Lebensgeschichte ist seine Werkgeschichte. Er zerpflückt gern, was im politischen Geschwätz der Zeit zentral ist. Los geht es 1977 mit Marx. Sieferle dekonstruiert ihn elegant von seiner latent bürgerlichen Perspektive aus: Marx fehle es an einer Vorstellung davon, wie genau die sozialistische Revolution erfolgen sollte, ohne dass der Klassenkampf die ökonomischen Grundlagen ruiniert. „Das Werk Sieferles ist eine Abrechung mit Marx“, sagt ein Bekannter. Das Wort „Barbaren“, das er zuletzt ständig benutzt, hat er von Marx geklaut.

In den achtziger und neunziger Jahren blickt er auf die Ökologie. Nun schreibt er wunderbare Werke, für die er im Fach bekannt wird. Es geht um den energetisch prekären Pfad der Industrialisierung, um die „strukturelle Nicht-Nachhaltigkeit“ der Industriegesellschaft: hohen Ressourcenverbrauch, Abhängigkeit von Kohle und Öl. Dieser Sieferle hat ein Talent für poetische Wortschöpfungen: Der „unterirdische Wald“ sind Kohle und Erdöl, die über Jahrmillionen entstanden und in Jahrhunderten verheizt werden. Die „totale Landschaft“ spielt auf das Ende der wilden Natur an. Zur „Luxusfläche“ werden Landschaftsgarten, Wald und Ökobauernhof, da sie nur deshalb nicht maximal-industriell für den Anbau von Futter- und Energiepflanzen genutzt werden müssen, weil Erdöl und Kohle für einen kurzen Moment der Geschichte Energie für Nahrung, Transport und Heizungen liefern. Am Ende sieht er die totale Technisierung als alternativlos: Digitalisierung, Biotechnologie, etwa Gentechnik, Wasserstoffmotoren.

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