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Allmende : Wo Kuh und Schaf gemeinsam grasen

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Allmendegüter laden ein zur Verschwendung. Das ist keine neue Erkenntnis. Schon im vierten Jahrhundert vor Christus hatte Aristoteles in seinem Werk "Politik" die Beobachtung festgehalten, dass "dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird. Jeder denkt hauptsächlich an sein eigenes, fast nie an das gemeinsame Interesse."

Was ist dagegen zu tun? Privatisierung ist oftmals technisch nicht möglich, Moralappelle reichen gegen übermächtige ökonomische Anreize selten aus. Abhilfe lässt sich nur mit staatlichem Zwang schaffen - so die düstere Prognose. "Freiheit auf der Allmende bringt allen Beteiligten den Ruin", schrieb Hardin.

Die Dorfgemeinschaft gab sich Regeln

Warum aber war dann die historische Allmende so lange erfolgreich? Weil die Menschen Probleme lösen. Hardin war mit seinem Befund einer strukturellen Dilemmasituation zu früh stehengeblieben; erst mit der Analyse der spontanen Reaktionen darauf wird es spannend. Gerade weil die historische Dorfgemeinschaft die "Tragödie der Allmende" kommen sah, konnte sie ein schlimmes Ende abwenden. Und in den seltensten Fällen war es der Staat, der "von oben" für die richtigen Regeln und Institutionen sorgte. Einer zentralen Obrigkeit fehlt es an hinreichender Kenntnis der lokalen Umstände, mitunter auch am passenden Interesse.

Das zeigt auch das historische Beispiel. Es kam der Moment, in dem die Allmende überholt und ihre institutionelle Absicherung nicht länger gewährleistet war. Der preußische Staat hob die letzten Allmenden gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Die Interessen von Gutsherren und Bauern hatten sich auseinanderbewegt. Mit zunehmender Flächenknappheit wollten die Gutsherren nunmehr ihre Flächen parzellieren, verpachten oder veräußern können. Und in jenen Gemeinden, die das Eigentumsrecht selbst hielten, entfalteten die Nutzungsvorschriften, sobald sie nicht mehr mündlich weitergegeben, sondern schriftlich festgehalten wurden, ein ganz neues entzweiendes Potential. Im Ergebnis wurden dort die Flächen aufgeteilt. Für viele Kleinbauern war das eine Katastrophe: Die eigene Parzelle war zu klein zum Überleben. Doch auch das hatte sein Gutes. Der Strukturwandel kam voran. Die landwirtschaftlichen Betriebe wurden größer und effizienter, die Kleinbauern hingegen gingen als Arbeitskräfte in die Stadt - und ermöglichten so die Industrialisierung.

Für den Umgang mit Allmendegütern ist die beste Lösung weder privat noch staatlich, sie ist eine Sache der betroffenen Öffentlichkeit, der Gemeinschaft. Ob es Gemeinschaften gelingt, sich funktionierende Regelsysteme zur Bewirtschaftung und Nutzung von Allmendegütern zu geben, hängt allerdings von allerlei Umständen ab: die Gruppe der Betroffenen muss sich klar abgrenzen lassen; die Mitglieder der Gemeinschaft müssen die Regeln gemeinsam ändern und einander gegenseitig überwachen können; Verstöße werden nicht pauschal, sondern gemäß ihrer Schwere geahndet; es gibt institutionalisierte Verfahren zur Konfliktlösung. Zu diesen Erkenntnissen ist die amerikanische Wissenschaftlerin Elinor Ostrom in vielen Feldstudien über "Common pool resources" gekommen. Sie ist hierfür 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden (siehe Wirtschafts-Nobelpreis geht erstmals an eine Frau).

Die Allmende begründet eine gemeinschaftliche Herausforderung. Wer sie meistert, der wird reich. Die Tragödie der Allmende abzuwenden ist möglich, wie das historische Beispiel zeigt und auch die moderne Forschung belegt. Elinor Ostrom hat außerdem darauf hingewiesen, dass die gemeinschaftliche Hege und Pflege, Bewirtschaftung und Nutzung von wertvollen Gemeingütern ihrerseits immaterielle öffentliche Güter stiftet: Zusammenhalt, Gemeinsinn, Verantwortlichkeit, Respekt. Auch damit ist die Allmende ein Segen für die Menschheit.

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