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Kommentar : Abhängige Ökonomen

Hier gab es streit: Die Wirtschaftsweisen übergeben ihr Gutachten 2014 an die Bundesregierung Bild: dpa

Politiker ignorieren den Rat der Experten. Dass sie sich das leisten können, ist ein Problem.

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          Es war subtil, aber es war eine Bestrafung, was Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit ihrem Wirtschaftsberater gemacht haben: Christoph Schmidt, der Chef des Sachverständigenrats der Wirtschaftsweisen, musste Anfang des Jahres mehrere Wochen länger warten als üblich, bis sein Mandat verlängert wurde.

          Was war geschehen? Der Sachverständigenrat hatte zum zweiten Mal in Folge die wirtschaftspolitischen Vorhaben der großen Koalition kritisiert - vor allem den Mindestlohn, der Arbeitsplätze koste. Als die Bundeskanzlerin das Gutachten entgegennahm, sagte sie schmallippig, es sei schwer zu verstehen, wie ein damals noch nicht geltendes Gesetz schon wirken könne. Locker ignorierte sie, dass schon längst einige Tarifverträge wegen des Mindestlohns nach oben korrigiert waren. Stattdessen ging die PR-Kampagne los. SPD-Generalsekretärin Fahimi durfte den Professoren vorwerfen, methodisch nicht auf der Höhe der Zeit zu sein und nicht wirklich wissenschaftlich zu arbeiten.

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          Dabei beweist die Ökonomenrangliste, die die F.A.Z. in diesem Jahr zum dritten Mal veröffentlicht: Es sind gerade die Mitglieder des Sachverständigenrats, die unter ihren Wissenschaftler-Kollegen noch relativ viel Anerkennung finden. Grundlagenforschung und Politikberatung sind nach wie vor zwei unterschiedliche Zweige der Ökonomie, aber unter den politisch aktiven Ökonomen gehören die Wirtschaftsweisen zu den forschungsstärksten. Mancher andere Ökonom, der als Politikberater in Berlin geschätzt wird, hat sich mangels Wissenschafts-Resonanz für die Rangliste gar nicht qualifiziert.

          Warum kann eine Bundesregierung den Rat der Ökonomen so offensichtlich ignorieren?

          Doch in der Politik gilt heute wie damals der Helmut Kohl zugeschriebene Satz, er wolle Wahlen gewinnen, nicht den Ludwig-Erhard-Preis, also den Preis für Wirtschaftspolitik im Geist der Sozialen Marktwirtschaft. So benimmt sich auch die Regierung Merkel. Unabhängigen marktwirtschaftlichen Rat ignoriert sie. Experten macht sie zur Partei. Wirtschaftsminister Gabriel beruft nach eigenen Regeln eine eigene Kommission ein, deren Vorsitzender Marcel Fratzscher fordert dann 100 Milliarden Euro Investitionen jährlich und liefert Gabriel so die Begründung fürs Geldausgeben. Merkel holt sich zwar immer wieder sachverständigen Rat – aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gelegentlich lädt sie Nobelpreisträger zu privaten Seminaren. Verhaltensforscher holt sie nicht etwa in den Sachverständigenrat, sondern stellt einige von ihnen im Kanzleramt ein.

          Ganz anders macht das die Politik in Großbritannien. Die hat schon vor Jahren ein verhaltensökonomisches Team aufgebaut - aber das hat die Regierung inzwischen ausgegründet. Jetzt gehört es zum Teil der Regierung, zum Teil einer gemeinnützigen Organisation und zum Teil den Mitarbeitern. Das Team dient jetzt als unabhängiger Berater und hat erst in dieser Woche seine Politikideen in einer großen Konferenz mit Bürgern und den angesehensten Wissenschaftlern der Welt diskutiert.

          Doch auch wenn ökonomischer Rat nicht in der Politik ankommt, können die Volkswirte nicht alle Verantwortung auf die Regierung schieben. Dass eine Bundesregierung den Rat so offensichtlich ignorieren kann, liegt auch daran, dass die Wirtschaftsforschung bei den Wählern einiges an Vertrauen verspielt hat.

          Volkswirte müssen um Verständnis für ihr Fach werben

          Viele Volkswirte vergraben sich bis heute in Modellen, manch anderer in Experimenten oder in der Analyse praktischer Wirtschaftsdaten, ohne den Kontakt zur Öffentlichkeit zu pflegen. Dabei hätten Ökonomen besonders viel zu erklären. Kaum ein Schüler lernt auch nur wirtschaftliche Grundzusammenhänge. Es wäre im eigenen Interesse der Wirtschaftswissenschaftler, den Deutschen nachzulaufen und um Verständnis für ihr Fach zu werben. Das Missverständnis beginnt früh: Längst nicht jeder Deutsche weiß, dass es etwas anderes ist, ob ein politischer Vorschlag gut für die Unternehmen oder gut für die Wirtschaft ist.

          Bei dieser Gelegenheit könnte auch so mancher Ökonom noch etwas lernen. Viele ökonomische Vorschläge sind auch deshalb bei Wählern unpopulär, weil volkswirtschaftliche Modelle oft nur leicht addierbare Geldbeträge maximieren und andere Werte der Gesellschaft ignorieren.

          Der Mindestlohn ist ein gutes Beispiel: Die Ökonomen stritten noch in Studien und auf Symposien darüber, ob der Mindestlohn tatsächlich Arbeitsplätze kostet - doch gleichzeitig sorgten sich viele Deutsche gar nicht mehr so sehr um Stellen. Sie waren bereit, auf Arbeitsplätze zu verzichten, um einen Lohn sicherzustellen, den sie für fair halten. Auf solche Argumente haben viele Ökonomen noch gar keine Antwort. Wahr ist: Ein schlecht bezahlter Arbeitsplatz ist meistens immer noch besser als gar keiner, weil er Selbstwertgefühl vermittelt und allgemein gesund hält. Doch die wirtschaftspolitischen Modelle berücksichtigen solche Fragen nicht.

          Übrigens hatten die Wirtschaftsweisen am Ende recht: Der Mindestlohn kostet Arbeitsplätze. Seit das Gesetz beschlossen worden ist, wächst die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland sichtbar langsamer.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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