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20 Jahre Währungsunion : Ein Neuanfang nach der DDR-Pleite

Einen Tag nach der Währungsunion: Ein Abteilungsleiter einer Ost-Berliner Kaufhalle zeigt einer Kundin den Bananenberg, früher eine Rarität Bild: dpa

Unter dem Druck der Ostdeutschen entschied sich die Bonner Regierung für eine Währungsumstellung zum Kurs von 1 zu 1. Kritiker wie der damalige Bundesbank-Präsident Pöhl sehen viel Schatten, aber auch Licht.

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          1989 war die DDR praktisch pleite. Vierzig Jahre Sozialismus hatten an der volkswirtschaftlichen Substanz gezehrt. Im Herbst 1989 bestellte die neue Staatsführung um Egon Krenz beim Leiter der Staatlichen Plankommission Gerhard Schürer einen Bericht, wie es wirklich um die DDR-Wirtschaft bestellt sei. Schürers streng geheime Analyse war vernichtend: Wolle man die Zahlungsunfähigkeit – sprich: die Pleite – vermeiden, müsse die DDR das Konsumniveau ihrer Bevölkerung um 25 bis 30 Prozent senken, warnte er. Das Angebot an die Verbraucher war aber schon kümmerlich. In vielen Geschäften herrschte offener Mangel, die Regale für manche Produkte waren spärlich oder gar nicht gefüllt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Mit dem Mauerfall am 9. November verlor das alte Regime quasi über Nacht die Kontrolle. Der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl legte drei Wochen später sein Zehn-Punkte-Programm vor, das in Richtung einer föderalen Vereinigung der beiden Teile Deutschlands wies. Von einer Wirtschafts- und Währungsunion war darin noch nicht die Rede, lediglich von enger wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Derweil wurde im Winter 1989/1990 auf den Straßen der Ruf nach freien Wahlen laut – und der Ruf nach Wohlstand. Das Symbol dafür war die D-Mark. „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“ stand auf Plakaten von Demonstranten. Monatlich gingen Zehntausende DDR-Bürger in den Westen. Es war der Druck dieser Übersiedlerwelle, der die Bonner Politiker, vor allem Kanzler Kohl, zu schnellen Schritten zwang.

          Kanzler Kohl gestand später ein, das Wirtschaftspotential überschätzt zu haben

          Schon im Januar 1990 hatte die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier einen Vorstoß für eine Währungsunion gemacht. Als Umtauschkurs von D-Mark und Ost-Mark schlug sie 1 zu 5 vor. Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) warnte zu dieser Zeit noch vor einer zu raschen Währungsunion. Auch Wirtschaftsminister Helmut Haussmann plädierte für eine langsame Annäherung. Zu den kritischsten Stimmen gehörte Karl Otto Pöhl, der Präsident der Deutschen Bundesbank. Er hielt die Zeit für nicht reif und warnte vor Stabilitätsrisiken, falls eine Wiedervereinigung „über die Notenpresse“ bezahlt würde. Pöhl erkannte klarer als andere die Defizite der DDR.

          Kanzler Kohl gestand später selbst ein, das Wirtschaftspotential der DDR weit überschätzt zu haben – Folge „eines der größten Täuschungsmanöver des zwanzigsten Jahrhunderts“. Ausgehend von dieser Fehleinschätzung, entschied die Bonner Regierung unter dem Druck der DDR-Bevölkerung für eine Währungsumstellung zum Kurs von 1 zu 1 für alle Preise, Löhne, Gehälter. Für größere Guthaben über 4000 Mark (für Rentner 6000 Mark) galt der Kurs 1 zu 2. Darauf einigten sich Kohl und der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière im April; am 14. Mai unterzeichneten Waigel und der DDR-Finanzminister Walter Romberg den Vertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion. Bundesbank-Präsident Pöhl hielt den 1 zu 1 Kurs für falsch und fühlte sich übergangen; im Jahr darauf reichte er seinen Rücktritt ein.

          Der Umtausch 1 zu 1 war sehr günstig für Lohnbezieher und Geldbesitzer – davon gab es einige in der DDR, weil viele Haushalte mangels Warenangebot oder in Erwartung eines Trabis ihre Einkommen gespart hatten. Manch einer konnte sich nun einen Golf oder Opel leisten. Für die produzierende Ost-Wirtschaft hingegen bedeutete die Umrechnung 1 zu 1 aller Preise und Löhne einen gewaltigen Aufwertungsschock: um den Faktor 4. Denn zuvor hatte im Handel mit der Bundesrepublik der Kurs 1 zu 4,4 gegolten. Schlagartig verteuerten sich damit die qualitativ minderwertigen Produkte aus den DDR-Betrieben. Sie wurden praktisch unverkäuflich. Die Regale der Geschäfte füllten sich nun mit den begehrten West-Waren. In einer Fernsehansprache zum 1. Juli versprach Kohl „schon bald wieder blühende Landschaften“.

          Die Treuhand blieb am Ende auf 250 Milliarden Mark Schulden sitzen.

          Auf den Jubel und die Begeisterung der meisten DDR-Bürger folgte bald Ernüchterung. Viele Betriebe brachen in den folgenden Jahren im neuen Wettbewerbsdruck zusammen, die Arbeitslosenquote stieg rasant, erst auf 10 Prozent, 1991 schon auf 14 Prozent. Zum Ende der DDR hatte das West-Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung die durchschnittliche Produktivität auf 50 Prozent des Westniveaus geschätzt; nach realistischer Betrachtung lag sie aber noch tiefer, bei einem Drittel des West-Niveaus. Westdeutsche Gewerkschaftsführer und Arbeitgeber beschlossen für den Osten eine rasche Anhebung der Löhne; die Arbeitskosten stiegen damit weit schneller als die Produktivität. Die Folge waren noch mehr Massenentlassungen und Unternehmenszusammenbrüche. Die bundesdeutsche Treuhand, die Staatsbetriebe mit Gewinn privatisieren sollte, blieb am Ende auf 250 Milliarden Mark Schulden sitzen.

          In den zwei Jahrzehnten seit 1990 sind von West nach Ost mehr als 1,3 Billionen Euro transferiert worden. Rückblickend sieht der Kritiker Pöhl zwar viel Schatten, aber auch einiges Licht. Zur Währungsunion mit dem politischen Umtauschkurs 1 zu 1 sagt er heute: „Ich muss zugeben, vermutlich gab es keine Alternative, sonst hätten wir einen Aufstand der DDR-Bevölkerung gehabt.“

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