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20 Jahre deutsch-deutsche Währungsunion : War sie ein Fehler, Herr Sarrazin?

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Thilo Sarrazin schrieb als damaliger Referatsleiter im Finanzministerium seinem Staatssekretär Horst Köhler eine Denkschrift, die manche Entscheidung vorwegnahm Bild: AP

Vor zwanzig Jahren wurde die D-Mark in der DDR eingeführt. Die deutsch-deutsche Währungsunion nahm die Einheit vorweg. Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin gilt als einer der Wegbereiter. Heute betont er die Unterschiede zur europäischen Währungsunion.

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          Herr Sarrazin, Sie gelten als einer der Wegbereiter der deutschen Währungsunion. Die hat den Ostdeutschen vor zwanzig Jahren die D-Mark gebracht, ehe vor acht Jahren der Euro kam. Gibt es Tage, an denen Sie die D-Mark vermissen?

          Ich bin mit der D-Mark groß geworden. Sie kam, als ich drei Jahre alt war. Eine meiner ersten Erinnerungen ist eine Straßenbahnfahrt mit meiner Tante. Wir fuhren wegen des Umzugs meiner Eltern mit der Linie 8 durchs Ruhrgebiet, und alle Leute redeten über die „Währungsreform“. Ich wusste nicht, was das war, aber die Vokabel ist mir unauslöschlich in Erinnerung. Und ich erinnere mich an die Tränen, als meine Mutter in dieser Zeit einmal aus Versehen den Umschlag mit dem Monatsgehalt meines Vaters verfeuerte.

          Glauben Sie, dass die Ostdeutschen die Einführung der D-Mark ähnlich emotional erlebten?

          Die Einführung der D-Mark war in Ostdeutschland ein hochemotionales Erlebnis. Es ist ja so: Entweder ist die Ware reichlich, und das Geld ist knapp. Oder umgekehrt: Das Geld ist reichlich, dann ist die Ware knapp – so war es in der DDR. Und mit einem Mal war mit der Einführung der D-Mark die absolute Euphorie: Mit einer harten Währung hatten die Ostdeutschen Zugang zur ganzen bunten Warenwelt. Dass bei reichlich vorhandener Ware bald Geld und Arbeit knapp werden, mussten die Ostdeutschen später erst noch schmerzhaft erfahren. Aber der Moment der Währungsunion selbst war mit Euphorie verbunden.

          Fast alle Wirtschaftswissenschaftler haben damals die deutsche Währungsunion für einen ökonomischen Fehler gehalten. Und doch galt sie als politisch alternativlos. Erleben Sie heute die Debatte um den Euro als Déjà vu?

          Für mich sind die beiden Situationen nicht vergleichbar. Damals war für mich als zuständigen Beamten die Währungsunion ein unverzichtbarer Baustein auf dem Weg zur deutschen Einheit. Es ging in diesen Monaten darum, die DDR in einer Weise zu binden, die nicht mehr aufgehoben werden konnte. Denn es stand doch die große Gefahr eines „dritten Weges“ im Raum. Die DDR als weiterer Staat deutscher Zunge. Es kam darauf an, in diesen Monaten vollendete Tatsachen zu schaffen. Denn wären wir diesen Schritt nicht gegangen, hätten wir eine innerdeutsche Zollgrenze aufbauen müssen und das Recht der DDR-Bürger auf Leistungen als vollwertige Bundesbürger bestreiten müssen.

          Warum?

          In der DDR lag das Durchschnittseinkommen zwischen 1100 und 1400 Ostmark. Der Wechselkurs war auf dem Schwarzmarkt eins zu sieben. Wenn also jemand von Halle nach Braunschweig umzog und Sozialhilfe für sich und seine Familie erhielt, verfügte er bei 1000 Mark Sozialhilfe über 7000 Ostmark. Es gab also fast eine moralische Pflicht gegenüber der Familie, auszuwandern. Und das zugleich mit einer DDR-Führung, die zwar taumelte, aber noch funktionierte. Mit der Währungsunion kam ja im Paket die Übernahme unseres Wirtschaftssystems. Das bedeutete die vollständige Entmachtung der DDR-Führung.

          Heute gilt die Stabilisierung des Euro und die Einführung von Transferelementen ebenfalls als alternativlos. Wo ist der Unterschied?

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