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Wirtschaftsweise : Regierung sucht eine Sachverständige

Vier Männer und eine Frau, das soll nach dem Willen der Bundesregierung im Sachverständigenrat auch künftig so bleiben Bild: dpa

Nach dem Abgang des einzigen weiblichen Mitglieds im Sachverständigenrat sucht die Regierung nun eine andere Frau für den Posten. Die besten Chancen hat eine Professorin aus Tübingen.

          Der Sachverständigenrat und die Bundesregierung suchen nach einer Ersatzkandidatin für Beatrice Weder di Mauro. Die Mainzer Professorin ist das einzige weibliche Mitglied der fünf „Wirtschaftsweisen“,  sie wechselt aber in den Verwaltungsrat der Schweizer Großbank UBS. Schon in dieser Woche wird es nach Informationen Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erste Gespräche über geeignete Kandidaten geben. Die Regierung bevorzugt eine Ökonomin weiblichen Geschlechts. „Eigentlich sollte einzig die Qualifikation ausschlaggebend sein, aber in der Politik mag es eine Präferenz für mehr Geschlechterproporz geben“, heißt es aus dem Rat hinter vorgehaltener Hand. Damit wird die Auswahl jedoch ziemlich eng. Denn in Deutschland gibt es kaum mehr als eine Handvoll Professorinnen, die sich mit Finanzmarktanalysen und internationaler Makroökonomie befassen.

          Favoritin aus Tübingen

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Als Favoritin gilt Claudia Buch, die an der Universität Tübingen den Lehrstuhl für Geld und Währung innehat. Sie forscht über Bankenregulierung und -aufsicht. Damit erfüllt sie genau die gewünschten Qualifikationen. Die 45 Jahre alte Ökonomin ist zudem seit 2008 Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftministerium, das die Mitglieder des Rats auswählt. Buch hat also Erfahrung in Politikberatung. Allerdings ist sie kaum in der Öffentlichkeit aufgefallen. „Sie ist persönlich eher zurückhaltend“, heißt es auch aus dem Sachverständigenrat, „aber sie ist eine hervorragende Wissenschaftlerin, die sich intern sehr stark engagiert hat und daher als Politikberaterin geeignet ist.“ Buch wollte sich auf Anfrage zu Personalfragen nicht äußern.

          Ebenfalls als Kandidatin für den Sachverständigenrat wird Nicola Fuchs-Schündeln genannt. Die 39 Jahre alte Ökonomin gilt als großes wissenschaftliches Talent und hat in den renommiertesten amerikanischen Fachjournalen veröffentlicht. Nach Jahren als Assistenzprofessorin in Harvard hat Fuchs-Schündeln 2009 eine Professur im House of Finance an der Frankfurter Goethe-Universität übernommen. Die dreifache Mutter sitzt seit einiger Zeit auch im wissenschaftlichen Beirat von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Ihre Aussichten für den Posten im Sachverständigenrat sind jedoch nicht allzu hoch. „Haben Sie sich ihre Veröffentlichungen angeschaut? Da ist nichts zum Thema Finanzmarktanalysen“, bemerkt ein Mitglied des Sachverständigenrats kritisch.

          Konkurrentinnen mit eher geringen Chancen

          Die in einem Pressebericht als Außenseiterkandidatin genannte Italienerin Ester Faia, die Geld- und Finanzpolitik in Frankfurt lehrt, gilt im Sachverständigenrat als chancenlos, da sie kaum Deutsch spricht. Weitere mögliche Kandidatinnen sind die Münchner Professorin Monika Schnitzer, die zur Rolle von Banken in der Unternehmensfinanzierung forscht, sowie ihre Kollegin Dalia Marin, eine gebürtige Österreicherin, die über multinationale Banken, Globalisierung und Handelsfragen forscht. Denkbar wäre auch die in Mainz lehrende Finanzmarktökonomin Isabel Schnabel, eine Schülerin des Ökonomen Martin Hellwig. Sie alle haben nach Ansicht von Beobachtern aber eher geringe Chancen.

          Vergangen Freitag hat Weder di Mauro ihren Ökonomenkollegen überraschend mitgeteilt, den Sachverständigenrat nach acht Jahren zu verlassen. Sie wird künftig einen Sitz im Verwaltungsrat der UBS einnehmen. Als „Schlag ins Kontor“ empfand der Vorsitzende Wolfgang Franz den Verlust von Weder di Mauro, die Spezialistin für die wichtigen Felder Finanzmarktanalysen und internationale Makroökonomie war.

          33.000 Euro im Jahr

          Da sich die Auswahl für einen Nachfolger so sehr auf Frauen konzentriert, werden männliche Kandidaten derzeit nicht hoch gehandelt. Bestens qualifiziert wäre der Frankfurter Makroökonom und Geldtheoretiker Volker Wieland, der am House of Finance lehrt. Auch der Name Roman Inderst fällt in Gesprächen, doch liegt die Stärke des preisgekrönten Finanzökonomen in der Forschung. Als Politikberater hat er keine Erfahrung vorzuweisen.

          Unter ehrgeizigen jungen Ökonomen gilt der Sachverständigenrat in Wiesbaden zudem nicht als oberstes Ziel. Viele wollen möglichst viel forschen und international publizieren, da lenkt die wochenlange Gremienarbeit bloß ab. Entlohnt werden die Mitglieder dafür mit einer Aufwandsentschädigung von 33.000 Euro im Jahr. Weder di Mauro kann künftig auf mehr als das Zehnfache hoffen. Ihr Vorgänger im UBS-Verwaltungsrat bezog laut Geschäftsbericht 525.000 Schweizer Franken, die Hälfte davon in Aktien.

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