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Wirtschaftstrends für 2014 : Das kann ja heiter werden

Na dann, Prost: Händler stoßen in Frankfurt auf das neue Jahr an. Bild: dpa

Die Arbeitslosigkeit wächst, obwohl auch die Beschäftigung steigt. Die Löhne dümpeln vor sich hin. Die Firmen investieren, aber eher nicht hier. Und das Tanken wird billiger. Das Jahr 2014 hält noch weitere Überraschungen bereit.

          1. Die deutsche Volkswirtschaft wächst. Ein bisschen.

          Die deutsche Wirtschaft steht am Beginn eines Aufschwungs. Die Wirtschaftsweisen sagen für 2014 eine Wachstumsrate von 1,8 Prozent voraus, andere Ökonomen sind sogar positiver gestimmt. Die üblichen Verdächtigen, die bisher für Deutschlands Blüte verantwortlich waren, treten ein bisschen zurück. Nicht China, sondern Amerika wird die große Konjunkturstütze. Zudem steigt die Binnennachfrage, Deutschlands Bürger kaufen mehr ein. Entlastend wirkt, dass die Euro-Krisenländer Irland, Griechenland, Spanien und Portugal vorankommen. Ein paar Risiken gibt es auch: Schlechte Nachrichten drohen aus der Eurozone, wenn vor allem die Schwergewichte Frankreich und Italien sich nicht berappeln.

          Das deutsche Bruttoinlandsprodukt und die Prognosen

          2. Die Firmen investieren. Aber eher nicht hier.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Deutschland leidet weiter unter notorischer Investitionsschwäche und verzeichnete 2013 ein Minus von zwei Prozent. Ein bisschen besser wird es aber werden, erwartet die Bundesbank. Die Fabriken sind gut ausgelastet, Kredite für Investitionen günstig. Nur: Firmen bauen zunehmend da, wo ihre Kunden sitzen. Die deutsche Firma Hella ist geradewegs ein Prototyp für die Investitionspolitik der deutschen Hidden Champions: eine Firma mit 5 Milliarden Umsatz, globaler Präsenz und einer starken Familie im Hintergrund, die nicht laut schimpft, wenn mal viel investiert wird statt Gewinne auszuschütten. Lichtsysteme und Autoelektronik verkauft das Unternehmen in alle Welt. Der Chef der Hella-Geschäftsführung, Rolf Breidenbach, ist zuversichtlich, was China betrifft, und optimistisch, was die Vereinigten Staaten angeht - und selbst in Europa hält der Manager ein kleines Comeback für möglich. Zwei neue Fabriken in China, eine in Mexiko, um den amerikanischen Markt zu beliefern. Brasilien wird gestärkt. Zuvor gab es auch eine Investition ins Entwicklungszentrum im heimischen Lippstadt, doch der Löwenanteil der Investitionen landet in den Wachstumsregionen. Typisch.

          3. Die Beschäftigung wächst. Die Arbeitslosigkeit auch.

          Wenn neue Jobs entstehen, sinkt gewöhnlich die Arbeitslosigkeit. Für 2014 kann man aber erwarten, dass sich zumindest für einige Monate noch das fortsetzt, was wir in der zweiten Hälfte 2013 in Deutschland beobachtet haben: steigende Arbeitslosigkeit bei steigender Beschäftigung. Das sagt Joachim Möller, Deutschlands oberster Arbeitsmarktforscher. Nach der Prognose seines Instituts IAB wird Deutschland im kommenden Jahr ein nie dagewesenes Beschäftigungsniveau mit knapp 30 Millionen Sozialversicherungspflichtigen erleben. Doch dieses Allzeithoch ist vor allem Leuten zu verdanken, die vorher nicht arbeitslos waren. Möller hat vor allem zwei Gruppen im Auge: Comeback-Mütter nach einer Familienphase und Zuwanderer, vor allem aus Polen. Gerade polnische Arbeitnehmer werden inzwischen von Zeitarbeitsfirmen direkt in ihrer Heimat angeworben. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt unterdessen weiter, wenn auch nur leicht. Aber nicht, weil mehr Personen arbeitslos werden, sondern weil weniger Leute aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Arbeitsstelle finden. Die Gründe? Die Arbeitslosen sind nicht dort, wo sie gebraucht werden. Oder sie können nicht, was verlangt wird. Mangelnde Mobilität und das schlechte Qualifikationsniveau könnten zur Aufschwungbremse werden: Arbeitsministerin Andrea Nahles, hier gibt es Arbeit.

          4. Energie wird billiger. Nur nicht für normale Leute.

          Weltweit werden Rohstoffe inklusive Öl und Gas billiger werden. Das liegt zum einen daran, dass die Nachfrage geringer sein wird, argumentiert Daniel Stelter von der Denkfabrik „Think beyond the obvious“. Zum anderen reagiert das Angebot mit der für diese Märkte typischen Zeitverzögerung: Als der Energie- und Rohstoffhunger der Aufsteigerländer wie China besonders hoch war, haben die Besitzer von Lagerstätten viel Geld investiert für eine bessere Ausbeute. Der Effekt kommt jetzt zum Tragen. Das entlastet vor allem Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2014, glaubt Ökonom Stelter, und stabilisiert damit die Wirtschaft auf niedrigem Niveau. Allerdings dürfen sich Privatleute nicht zu früh freuen. Tanken könnte billiger werden, aber Strom bleibt in Deutschland aus politischen Gründen teuer. Die Leute müssen ja schließlich mit der Stromrechnung die Energiewende bezahlen oder, präziser ausgedrückt: Sie finanzieren, dass sich Deutschland zur bestehenden konventionellen Energieversorgung eine zweite leistet aus erneuerbarer Energie.

          5. Weniger Insolvenzen. Das ist ein schlechtes Zeichen.

          2014 wird das Jahr, in dem Deutschland so wenig Firmenzusammenbrüche wie lange nicht mehr erleben wird. Das klingt gut, ist es aber nicht. Denn als Ursache nennt Ökonom Stelter hilflose Banken. Die Geldinstitute trauen sich nicht, erfolglosen Unternehmen die Kredite fällig zu stellen aus Angst vor außerplanmäßigen Abschreibungen. So dürfen die glücklosen Firmen weiter wurschteln und im Zweifel Geld verbrennen. Insolvenzverschleppung nennt Stelter das und spricht von einer „Zombifizierung“ der Wirtschaft. Die für eine gesunde Volkswirtschaft sinnvolle Auslese unterbleibt.

          6. Die Löhne schrumpfen. Wegen der Boni.

          Schon 2013 lagen die Lohnzuwächse unter der Teuerungsrate. Die Reallöhne sanken. Hauptursache waren die deutlich geringeren Sonderzahlungen im Dienstleistungssektor, vor allem in der öffentlichen Verwaltung, in den Banken und in den Versicherungen. Diese Entwicklung dürfte sich 2014 fortsetzen. Auch Mindestlöhne könnten schon kontraproduktive Wirkung entfalten: Zwar verdienen Millionen auf dem Papier mehr. Sie verlieren aber auch: staatliche Zuwendungen, steuerliche Nachlässe. Dazu könnte das Leben etwas teurer werden, weil vor allem Dienstleister wie Gastwirte oder Friseure ihre Preise anheben, um den Mindestlohn zu finanzieren. Und schließlich gehen mit der Einführung des Mindestlohns einige hunderttausend Jobs flöten.

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