https://www.faz.net/-gqe-128rb

Wirtschaftsstruktur : Deutschland bleibt ein Industrieland

Die deutsche Industrie hält eine starke Stellung auf dem Weltmarkt Bild: ZB

Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung in Deutschland liegt weiter bei 23 Prozent. Allerdings sinkt die Zahl der Beschäftigten. Die Krise trifft die Industriebetriebe mit voller Wucht - bietet aber Chancen zur Strukturanpassung, sagen Ökonomen.

          3 Min.

          Deutschland hat in den vergangenen fünfzehn Jahren seine Stellung als starkes Industrieland gehalten. Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft lag 1994 bei 23,1 Prozent und vergangenes Jahr bei 23,7 Prozent. „Es ist schon bemerkenswert, wie gut sich die deutsche Industrie gehalten hat“, sagt Michael Rothgang vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Auf dem Weltmarkt sei sie sehr gut aufgestellt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Andere Staaten in Europa haben einen Prozess der radikalen Deindustrialisierung durchgemacht, etwa Großbritannien. Die dortige Industrie trug zu Beginn der neunziger Jahre noch 21 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, seit der Jahrtausendwende fiel der Anteil aber drastisch bis unter 13 Prozent. „Große Teile der britischen Industrie haben sich einfach abgemeldet“, sagt Rothmann. Als Gründe dafür nennt er eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und unbewegliche Gewerkschaften.

          Ostdeutsche Industrie hat „kräftig aufgeholt“

          Hingegen wuchs der Dienstleistungssektor. Allein die Finanzbranche erhöhte ihren Anteil am BIP seit 2000 von 5,5 auf 8,5 Prozent. Am stärksten war der Strukturwandel in Irland. Vor zwei Jahrzehnten war es noch stark agrarisch geprägt, dann hat es sich rasant in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt: Die Finanzbranche wuchs unglaublich schnell - auch wegen geringer Regulierung. Von 2000 bis 2008 stieg ihr Anteil von 7 Prozent auf fast 11 Prozent vom BIP der Grünen Insel.

          Bis vor kurzem beneideten viele die Briten um ihren großen Finanzsektor. „Früher haben alle gesagt, wir müssen das so machen wie die Engländer, aber jetzt sind wir doch ganz froh, dass wir nicht so stark auf Banken gesetzt haben“, sagt Marcel Thum, der das Ifo-Institut in Dresden leitet.

          In den neuen Bundesländern stürzten nach der Wende die alten Industrien zunächst ab. Das drückte auch den gesamtdeutschen Wert des verarbeitenden Gewerbes, der 1991 noch bei 27,5 Prozent vom BIP lag, aber bis Mitte der neunziger Jahre um 4 Prozentpunkte sank. „Seit ein paar Jahren hat die ostdeutsche Industrie aber wieder kräftig aufgeholt, wenn auch von niedrigem Niveau aus“, sagt Thum.

          Beschäftungszahlen gesunken

          Stärkste Branche des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland ist der Maschinenbau, der mehr als ein Siebtel ausmacht. Die zweitgrößte Industriebranche war der Fahrzeugbau mit den Automobilzulieferern, die zusammen ebenfalls knapp ein Siebtel erbrachten.

          Wenn auch der Anteil der Industrie an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung seit fünfzehn Jahren erstaunlich konstant geblieben ist, so hat sich doch die Beschäftigung deutlich verringert. Derzeit sind es rund 7,7 Millionen Arbeiter, kurz nach der Wiedervereinigung waren es noch 10,6 Millionen, Mitte der neunziger Jahren noch gut 8 Millionen. „Die Produktion wurde eben stark rationalisiert“, erklärt Rothgang.

          Allerdings hat die sinkende Beschäftigungszahl zum Teil auch mit der statistischen Erhebung zu tun. „Beispielsweise wenn ein Industriebetrieb seine Putzkolonne auslagert, dann taucht die in der Statistik plötzlich als Dienstleistung auf“, erklärt Thum. „Die Interpretation der nackten Zahlen ist daher gefährlich“, sagt Ifo-Ökonom Thum.

          Der These eines uniform verlaufenden Strukturwandels von der Industrie zu Dienstleistungen kann er nichts abgewinnen: „Nach der klassischen Handelstheorie ist es doch so, dass sich jedes Land auf das spezialisiert, was es besonders gut kann - das ist in unserem Fall eben auch die Industrie.“

          Anteil an der weltweiten Wertschöpfung gesunken

          Global betrachtet, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch die Gewichte stark verschoben. Deutschlands Anteil an der Wertschöpfung der Industrie auf der Welt ist kräftig gesunken: Lag er 1970 bei 13 Prozent, waren es 2005 nur noch gut 7 Prozent. Einen starken Rückgang verzeichneten auch die Vereinigten Staaten: von 28,6 auf knapp 22 Prozent. Japans Anteil stieg zunächst bis 1990 auf gut 17 Prozent, sank dann aber auf 13 Prozent. Umgekehrt legte China von einer ganz geringen Basis auf fast 12 Prozent der Weltindustrieproduktion kräftig zu.

          Derzeit schrumpft die Industrie in rasantem Tempo: Im Februar lag der Umsatz des deutschen verarbeitenden Gewerbes um 23 Prozent niedriger als im Vorjahresmonat. „Die Rezession trifft die Unternehmen hart, aber sie bietet auch Möglichkeiten zur Strukturanpassung“, sagt RWI-Ökonom Rothgang. Er meint, dass die deutsche Industrie aus der Krise gestärkt hervorgehen und ihren Weltmarktanteil vielleicht sogar verbessern könnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.