https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsspionage-in-hessen-spione-in-der-werkshalle-13218518.html

Wirtschaftsspionage in Hessen : Spione in der Werkshalle

Fall für den Verfassungsschutz: Es wird geschätzt, dass fast jedes zweite Unternehmen schon ausspioniert worden ist. Bild: F.A.Z.

Fast jedes zweite Unternehmen ist Schätzungen zufolge schon Opfer von Wirtschaftsspionage geworden. Der Verfassungsschutz will die Fälle erfassen. Betriebe sind aber zurückhaltend.

          3 Min.

          Der Fall ist der Albtraum eines jeden Unternehmers. Mitarbeiter einer Firma aus dem Rhein-Main-Gebiet waren nach China eingeladen worden, um ein Produkt zu präsentieren. Mitten in einer Konferenz wurde auf einmal ein „Zwischenfall“ gemeldet. Alle mussten das Gebäude verlassen. Es dauerte lange, bis der angebliche Defekt behoben war. Zunächst war es nur ein Verdacht, dass der Alarm eine Finte war. Später, wieder in Deutschland, konnte nachgewiesen werden, dass alle Laptops, die nicht schnell noch gesperrt worden waren, manipuliert wurden. Das Unternehmen geht davon aus, dass sämtliche Inhalte der Festplatten kopiert wurden. Darunter auch Firmengeheimnisse.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Der Fall ist jüngst dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz bekannt geworden. Und nach den Worten von Präsident Roland Desch ist es bei Weitem nicht der einzige Vorfall, in dem ausländische Firmen deutsche Unternehmen ausspionieren oder fremde Geheimdienste versuchen, an Informationen deutscher Betriebe zu gelangen, um die eigene Wirtschaft zu stärken.

          Unternehmen schweigen zu Fällen von Spionage

          Zahlen darüber, wie viele hessische Unternehmen Opfer von Wirtschaftsspionage geworden sind, gibt es nicht. Der Verfassungsschutz, der als Inlandsgeheimdienst für die Spionageabwehr zuständig ist, versucht seit Jahren, ein zuverlässiges Lagebild zu entwerfen. Doch ohne die Informationen der betroffenen Unternehmen – sofern sie einen Angriff überhaupt mitbekommen – fällt ein solches Bild schwer.

          In einer von den hessischen Industrie- und Handelskammern in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2012 gab jedes vierte Unternehmen an, Schwierigkeiten darin zu sehen, sein Fachwissen vor Wirtschaftsspionage zu schützen. Auch der Branchenverband Bitkom hat in diesem Jahr Firmen zur IT-Sicherheit befragt. Von 403 Unternehmen (mit mehr als 50 Mitarbeitern) gaben rund 30 Prozent an, in den vergangenen zwei Jahren Angriffe auf ihre IT-Systeme verzeichnet zu haben – und das sind nur die Cyberangriffe, die virtuell über die Netzwerke vonstatten gehen. 58 Prozent gaben an, Angriffe direkt in ihren Betrieben durch gezielten Datendiebstahl bemerkt zu haben.

          Gute Wirtschaftsleistung bringt Staaten Macht

          Nach Erkenntnissen des hessischen Verfassungsschutzes sind nicht nur große Unternehmen betroffen, sondern auch kleine innovative mit weniger als zehn Beschäftigten. Laut Desch sind für ausländische Geheimdienste „vor allem Technologien interessant, die für die Konkurrenzfähigkeit moderner Volkswirtschaften und bei der Eroberung von Märkten interessant sind.“ Welche Auswirkungen das haben kann, fügt er gleich hinzu: „Funktionierende Volkswirtschaften sind mittlerweile Machtfaktoren eines Staates.“

          Dass fast kein Unternehmen sicher sei vor Spionage, sei in den Betrieben angekommen, heißt es seitens der Industrie- und Handelskammern in Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden. Dennoch gebe es in vielen Unternehmen Vorbehalte gegenüber einer Meldepflicht, wie sie vor einiger Zeit aus dem Bundesinnenministerium heraus gefordert wurde. „Es gibt nur wenige Unternehmen, die Angriffe offen benennen“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer der IHK Wiesbaden, Friedemann Götting-Biwer. Zu groß sei die Furcht vor einem Imageverlust.

          Die IHK Wiesbaden hat erst vor einigen Wochen eine Informationsveranstaltung zum Thema Wirtschaftsspionage gemeinsam mit dem Verfassungsschutz organisiert. Gezeigt wurde ein Angriff in Echtzeit auf ein fingiertes IT-System eines Unternehmens. Ähnliche Veranstaltungen gab es auch schon in anderen Städten, zuletzt an der IHK Darmstadt, die besonders viele Unternehmen mit technischem Know-how zu ihren Mitgliedern zählt – für ausländische Geheimdienste besonders attraktiv. Aber auch dort wird eine Meldepflicht eher skeptisch gesehen.

          China und Russland spionieren am meisten

          Im Landesamt für Verfassungsschutz ist man zuversichtlich, dass es früher oder später gelingen wird, dass die Unternehmen sich auch mit konkreten Fällen der Behörde anvertrauen. Der Verfassungsschutz unterliege nicht wie die Polizei der Pflicht, Straftaten zu ermitteln, sagt Desch. Es sei aber für den Schutz der eigenen Wirtschaft unabdingbar, Kenntnisse darüber zu erlangen, „wer wen angreift und warum, vor allem aber: wie.“

          Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz will die Zusammenarbeit mit den Unternehmen deshalb stärken. Nicht nur durch Vorträge in den Kammern, sondern auch durch speziell zugeschnittene Beratungen in den Betrieben. Desch spricht von einer „Win-Win-Situation“. Nur dann, wenn man Erkenntnisse über das Ausmaß und die Methodik habe, ließen sich die Unternehmen besser schützen. „Wir wissen inzwischen, dass längst nicht nur Cyberangriffe stattfinden, sondern auch im ganz klassischen Sinne Spionage durch Menschen.“

          Hauptakteure seien nach wie vor Russland und China. So habe es Fälle gegeben, in denen bei Werksführungen der Gast einer ausländischen Delegation plötzlich „abhanden“ gekommen sei und sich als Spion entpuppt habe. Auch versteckt eingebaute Minikameras seien bei Führungen in Betrieben schon gefunden worden. Zudem seien Spione auch auf Messen unterwegs. Sie suchten Kontakt zu Firmenvertretern und holten sich Informationen zur Produktpalette oder zum Unternehmen ein. Desch sagt, es gebe „die ganze Bandbreite dessen, die man sich vorstellen kann“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Züge der Regionalbahn und S-Bahn am Hamburger Hauptbahnhof

          Deutsche Bahn : „Das 9-Euro-Ticket ist eine einmalige Chance“

          Für die Digitalisierung bei der Deutschen Bahn ist Daniela Gerd tom Markotten verantwortlich. Wie die Bahn pünktlicher werden will und was das mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, verrät sie im Interview.
          Elena in ihrem silbernen Honda auf dem Weg an die Front

          Ukrainische Freiwillige : Elena fährt an die Front

          Jede Woche steuert eine Ukrainerin ihr Auto, beladen mit Fleisch, Eiern und Kartoffeln, von Odessa dort hin, wo die Bomben fallen. Es ist ihre Art zu kämpfen.
          Ort für viele körperliche Bedürfnisse

          Fraktur : Herr Chrupalla erzählt vom Zelten

          Warum AfD-Politiker womöglich nicht stubenrein sind und so viele Menschen in Nordrhein-Westfalen keinen Bock haben, zu wählen.
          Zwei Frauen beten am Tag nach dem Massaker in einer Baptistenkirche in Buffalo.

          Rassistenmorde in Buffalo : Sie alle kennen einen der Toten

          Viele Bürger von Buffalo haben kein Auto, kein Geld und keine Zukunft. Als auch noch ein Rassist um sich schießt, wird alles zu viel. Ein Stimmungsbild aus einer zutiefst segregierten Stadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Kapitalanalge
          Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
          Sprachkurse
          Lernen Sie Englisch
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung im Projektmanagement