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Wirtschaftspsychologie : „Macht macht bitter und krank“

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Der Psychoanalytiker Mario Erdheim über die Paranoia der Chefs, den Zorn der Entthronten und warum Herrscher schlechte Liebhaber sind. Der Experte erklärt im Interview die Unsicherheit und das Mißtrauen der Mächtigen.

          Der Psychoanalytiker Mario Erdheim beschreibt im Interview die schönen und unschönen Seiten der Macht: Warum Chefs oft unsicher und verletzlich sind und warum viele Menschen die Kosten der Herrschaft unterschätzen. Ob Joschka Fischer, Angela Merkel oder Hans-Olaf Henkel - bei den meisten prominenten Mächtigen erkennt der Experte die Spuren, die die Macht hinterlassen hat.

          Herr Erdheim, was ist Macht?

          Macht ist die Chance, seinen Willen auch gegen das Widerstreben anderer durchzusetzen, wie Max Weber prägnant formulierte.

          Der ehemalige Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle sagt, es gehe darum, die eigenen Grenzen auszuloten.

          Es ist wie im Sport. Dort geht man an die Grenzen des Physischen, weswegen ein Spitzensportler im Alter oft Invalide sein wird. Es tut ihm einfach alles weh. Dabei wird der Sport als Inbegriff des Gesunden verkauft, weshalb jetzt alle so empört sind über die Dopingskandale der Tour de France.

          Viele stellen sich das Machthaben schön und bedeutungsvoll vor.

          Sie residieren in einem großen Kanzleramt oder einer schönen Konzernzentrale, bekommen die besten Plätze in Bayreuth und reisen von einem Gipfeltreffen zum nächsten. Alles sieht wunderbar und prächtig aus. Das ist die schöne Seite der Macht.

          Und was ist die unschöne Seite der Macht?

          Die Mächtigen leugnen, daß sie verletzlich sind. Je mehr Macht jemand hat, desto verletzbarer wird er. Denn der Mächtige entwickelt ein Mißtrauen gegenüber seiner Umwelt. Und dieses Mißtrauen wird immer größer, je länger er es schafft, an der Macht zu bleiben. Der Mächtige unterstellt jedem, er trage den Dolch im Gewande.

          Die Sorge ist berechtigt?

          Gewiß. Es ist die Realität einer paranoiden Welt.

          Sie übertreiben.

          Im antiken Mythos gibt es einen Priester, der herrschte über seinen Tempel so lange, bis er von einem anderen umgebracht wurde, der sich dann sogleich an dessen Stelle setzte. Der Mord wurde nicht geahndet - im Gegenteil. Der Mörder wurde sofort als neuer Priester akzeptiert, was ihn freilich nicht glücklich werden ließ: Er fand immer weniger Schlaf, denn keiner wußte so gut wie er, daß sein Nachfolger ständig nahen konnte. Es gehört zum Schicksal der Herrschenden, daß immer ein anderer da ist, der ihre Macht beansprucht.

          Wir leben heute nicht mehr in einer archaischen Welt?

          Fragen Sie Helmut Schmidt oder Helmut Kohl. Die haben erlebt, was abläuft, wenn die Macht ins Schwanken kommt.

          Recht und Demokratie haben keinen zähmenden Einfluß?

          Die Demokratie versucht, die Machtausübung zu beschränken auf vier oder sechs Jahre. Und das Arbeitsrecht beschränkt die Verträge des Top-Managements auf eine zeitlich definierte Dauer. Das alles ist der legitime Versuch der Beruhigung. Aber die Ablösung der Macht bleibt ein großes Problem.

          Die größere Gefährdung für Angela Merkel geht nicht vom Wahlvolk aus, sondern von ihren innerparteilichen Rivalen?

          So ist es. Das ist wie im antiken Mythos; bis heute hat sich nichts geändert.

          Was ist der Preis der Macht?

          Die Unfähigkeit zu lieben zum Beispiel. Sehen Sie sich an, welche Probleme die Herrschenden mit der Liebe haben . . .

          . . . Joschka Fischer sind alle schönen Frauen zugeflogen . . .

          . . . aber auch wieder weggeflogen. Das hat ihn schwer gekränkt. Es gibt ein bitteres Gespür der Mächtigen für die eigene Liebesunfähigkeit. Sie reagieren darauf, indem sie ständig die Geliebten wechseln oder aber ihrer Partnerin enorme Geschenke machen, um sich ihrer Liebe zu versichern. Sie verteilen Schlösser wie der Sonnenkönig.

          Wie kommt es zu dieser Liebesunfähigkeit?

          Das hängt mit der Einsamkeit zusammen. Ich traue niemandem mehr, noch nicht einmal der Frau, die ich liebe. Die Macht läßt den Mächtigen vereisen.

          Haben Sie Beispiele?

          Entweder erkaltet alles zu einer formalen Beziehung. Denken Sie an Prinz Philip und Königin Elisabeth in England. Oder man flüchtet sich in Affären. Denken Sie an John F. Kennedy oder Bill Clinton. Herrscher sind keine großen Liebhaber. Die einzige Frau, zu der sie halten sollten, müssen sie ständig hintergehen.

          Dabei haben doch die Mächtigen permanent Angst, von ihren Untergebenen hintergangen zu werden.

          Ja, das ist eine Spiegelung ihrer Ängste an der privaten Realität. Sie machen mit ihren Ehefrauen genau das, wogegen sie sich im Beruf Tag und Nacht wappnen.

          Die Mächtigen finden Macht einen untauglichen Begriff. Sie sagen lieber, sie wollten Einfluß.

          Genau so funktioniert der Mythos der Macht. Es ist die Vorstellung, wer Macht habe, könne auch Gutes tun. „Wenn ich nur an der Macht wäre, wäre vieles anders“, denken die Leute. Der Mythos der Macht träumt von der Verbesserung der Welt. Die Mächtigen pflegen die Phantasie des guten Herrschers.

          Den gibt es nicht?

          Nein, einmal an der Macht, kommt es zu vielen Entschuldigungen, warum man gerade nichts Gutes tun könne. In Wirklichkeit hat man dafür gar keine Zeit, denn das Augenmerk konzentriert sich auf die Absicherung der Macht.

          Angela Merkel hat vor der Wahl eine gute Welt versprochen, und jetzt sagt sie, in einer großen Koalition sei das bedauerlicherweise nicht durchsetzbar.

          Das genau ist der Mythos der Macht. In Wirklichkeit ist Angela Merkel sehr froh, daß sie in einer Koalition ist. Und sie ist, von Mißtrauen geplagt, vor allem damit beschäftigt, unter den gegebenen Bedingungen an der Macht zu bleiben.

          Macht macht krank?

          Wie ein Minenarbeiter bei der Arbeit zwangsläufig eine Staublunge bekommt, so bekommt der Mächtige die Paranoia. Das Gefühl, niemandem vertrauen zu können, führt zu einer Art Verfolgungswahn, und der Realitätsverlust schreitet voran.

          Das frißt den Mächtigen viel Zeit?

          Allerdings. Sie umgeben sich mit Günstlingen, denen sie einflußreiche Positionen verschaffen. Letztlich nützt das alles nichts; das Mißtrauen wird nicht gelindert.

          Angela Merkel wurde als Kanzlerin monatelang sehr bewundert . . .

          . . . dann drehte sich die Stimmung, weil die Menschen von der Gesundheitsreform enttäuscht wurden.

          Ein Zufall?

          Das glaube ich nicht. An Krankheit und Gesundheit hängt alles. Jeder fühlt sich betroffen.

          Frau Merkel sagt, sie habe gewußt, daß die Bewunderung nicht immer anhalten werde.

          Das ist eine Immunisierung der Kritik. Und ein Indiz, wie die Mächtigen die Realität nicht mehr adäquat zur Kenntnis nehmen. Ständig müssen Argumente gesucht werden, warum das, was versprochen wurde, nicht eintrifft. Erst schlägt ihnen unglaublich viel Bewunderung entgegen. Doch können sie diese selten lange genießen. Denn überall schleicht die Bitternis sich ein.

          Ein Manager, der gefeuert wurde und die Macht verloren hat, wie geht es dem?

          So etwas ist ziemlich bitter. Der Exchef der Swissair hat jetzt eine Fluggesellschaft in Afrika. So wie die alten Maschinen nach Afrika verscherbelt werden, entsorgt man auch die gescheiterten Manager.

          Wer scheitert, schämt sich?

          Scham ist verletzter Narzißmus. Der Mächtige hat nur sich selbst geliebt und fand sich großartig. Plötzlich geht ihm auf, daß das alles eine große Illusion war. Jetzt muß er sich eingestehen: Ich bin ganz klein.

          Allein schon pensioniert zu werden, ist für die Mächtigen schwer zu ertragen.

          BMW-Chef Helmut Panke hat bis zuletzt geleugnet, daß Top-Manager mit 60 ausscheiden müssen. Er hat gedacht, er sei so großartig, daß für ihn gewiß eine Ausnahme gemacht wird.

          Panke könnte sich rächen?

          Er könnte zu Daimler gehen und sein ganzes BMW-Wissen mitnehmen. So hat es Bernd Pischetsrieder gemacht, als er bei BMW gefeuert wurde und zu VW ging.

          Die ehemaligen BDI-Präsidenten Henkel und Rogowski rächen sich, indem sie ihren amtierenden Nachfolger demontieren.

          Frei nach dem Motto: Ich lasse den anderen so bluten, wie ich selbst bluten mußte. Ich fürchte nur, daß diese Befriedigung nicht lange halten wird.

          Unterm Strich sind die Kosten der Macht für die Mächtigen höher als ihr Nutzen?

          Das würde ich nicht sagen. Es wäre nur wichtig, daß die Mächtigen die Kosten der Macht vor sich transparent machen, anstatt sie zu leugnen.

          Wie könnte das gehen?

          Es müßte den Mächtigen vor Dienstantritt ein Beipackzettel mitgegeben werden über die Nebenwirkungen, die der Konsum der Macht verursacht. Dann könnten sie aktiv etwas dagegen unternehmen. Würden sie ihre Verletzbarkeit anerkennen, brauchten sie die Macht nicht mehr zu idealisieren. Sie müßten die Macht aber auch nicht verteufeln.

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