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Zwischen Australien und Neukölln : Ausländer könnten Fachkräftemangel lösen

Bild: F.A.Z.

Große Lücken auf dem Arbeitsmarkt erwarten die deutsche Wirtschaft. Der Grund ist bekannt: immer mehr Rentner und zu wenig Nachwuchs. Nun fordert die Wirtschaft mehr Zugang für ausländische Fachkräfte. Die Frage nach deren Integration ist allerdings noch unbeantwortet.

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          Fachkräftemangel? Dieses Problem sei gelöst, zumindest was den Zuzug qualifizierter Ausländer angeht, verkündete der damalige Bundesarbeitsminister Olaf Scholz vor zwei Jahren. Die schwarz-rote Bundesregierung hatte gerade den Arbeitsmarkt für Akademiker aus Osteuropa geöffnet, die Verdienstgrenzen für Kandidaten von außerhalb der Europäischen Union um ein Viertel auf rund 64 000 Euro gesenkt und ausländischen Uni-Absolventen mehr Zeit für die Suche nach einem Arbeitsplatz eingeräumt. Die anhaltenden Klagen der Wirtschaftsverbände hielt der Sozialdemokrat deshalb für unberechtigt. Die Unternehmer hätten noch nicht begriffen, welche Möglichkeiten sich ihnen jetzt böten.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Allerdings sprach sich diese Kunde wohl auch unter ausländischen Ärzten, Ingenieuren und Wissenschaftlern kaum herum. Im vergangenen Jahr machten nach Angaben des Bundesamtes für Migration nur 700 Hochqualifizierte von ihrem speziellen Aufenthaltsrecht Gebrauch; hinzu kamen gerade mal 250 Wissenschaftler. Damit besteht der Großteil der deutschen Zuwanderung von rund 200 000 Personen im Jahr immer noch aus der Freizügigkeit von EU-Bürgern oder aus Familienzusammenführung.

          Lücke durch Migration schließen

          Entgegen Scholz' These steht das Thema „Zuwanderung ausländischer Fachkräfte“ also weiter auf der politischen Agenda. Kurzfristig sieht die Bundesregierung zwar keinen Handlungsbedarf, zumal sie an der Umsetzung der Blue-Card-Richtlinie aus Brüssel arbeitet, die weitere Erleichterungen vorsieht. Doch warnen Wirtschaftsverbände schon, dass auch dieser Schritt nicht reichen wird, um die kommenden Probleme zu lösen. Schließlich hat Deutschland unter den Industrieländern eine der niedrigsten Geburtenraten, und in den kommenden Jahren rücken die geburtenstarken Jahrgänge dem Renteneintritt näher. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts werden dem Arbeitsmarkt rund 8,5 Millionen potentielle Arbeitnehmer weniger zur Verfügung stehen. Ein Teil dieser Lücke könnte durch Migration geschlossen werden. Aber wie bekommt man die passenden Leute ins Land?

          Genau zehn Jahre nach Einführung der Green-Card für die IT-Branche, welche knapp 18 000 Computerfachleute vorübergehend ins Land lockte, stellt sich die Frage nach einem Systemwechsel: Soll Deutschland an seinem nachfrageorientierten Ansatz festhalten oder ein Punktesystem einführen? Im Nachfragemodell ist der Zuzug prinzipiell an den Bedarf der Wirtschaft und häufig an eine konkrete Stellenzusage gekoppelt. Das Angebotsmodell wiederum geht davon aus, dass ausreichend qualifizierte Menschen dem Arbeitsmarkt auf kurz oder lang von Nutzen sind und deshalb auch ohne Arbeitsvertrag einreisen können. Australien, Kanada, Neuseeland, Großbritannien, Dänemark und die Niederlande vergeben deshalb an die Bewerber jeweils Punkte, etwa für das Alter, berufliche Qualifikation und Erfahrung sowie Sprachkenntnisse der Bewerber, um deren Nutzen für die Volkswirtschaft taxieren zu können. Wird ein bestimmter Wert erreicht, gibt es eine Einwanderungsgenehmigung.

          Australiens Strategie ist besonders erfolgreich

          Seit einiger Zeit bilden sich zunehmend Mischsysteme heraus. „Während Deutschland oder Österreich über die Einführung eines Punktesystems diskutieren, rücken andere Länder die Bedürfnisse ihres Arbeitsmarktes stärker in den Mittelpunkt“, hat Jonathan Chaloff beobachtet, Migrationsfachmann der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Das prominenteste Beispiel ist wohl Australien. Seine Zuwanderungspolitik galt als die Erfolgsgeschichte des vergangenen Jahrzehnts. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise hat die Regierung das System zum Jahresanfang modifiziert. Wer eine Arbeitsplatzzusage vorweisen kann, wird bevorzugt hereingelassen - Punktekonto hin oder her.

          Ein Punktemodell für Deutschland hatte schon die Süssmuth-Kommission vor fast zehn Jahren empfohlen, war aber bei der Novelle des Zuwanderungsgesetzes damit nicht durchgedrungen. Nach den Erfahrungen aus den Anwerbewellen des vergangenen Jahrhunderts stoßen Vorschläge für eine Lockerung der Zuwanderungspolitik in Teilen der Öffentlichkeit auf erheblichen Widerstand. Der Berliner Stadtteil Neukölln wurde zum Symbol für misslungene Integration. Dass eine klug gesteuerte Zuwanderung dennoch benötigt wird, ist erst in den Aufschwungjahren 2005 bis 2007 stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

          Fremde Sprachen sind das größte Hindernis

          Für Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit, stehen „die Defizite in der deutschen Zuwanderungspolitik in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Versagen in der Integrationspolitik“. Er unterstütze die Absicht der Regierung, mit Zuwanderern verpflichtende „Integrationsverträge“ schließen zu wollen, für die auch entsprechende Angebote gemacht werden müssten. Sprachkurse und Betriebskindergärten seien aber nicht allein Aufgabe der Politik, findet Zimmermann: „Hier ist die Wirtschaft am Zug.“ Der Ökonom warnt jedoch davor, zu glauben, allein durch Gesetzesänderungen Talente aus aller Welt in Scharen anlocken zu können. In einer Umfrage der Universität Basel unter knapp 600 hochqualifizierten Indern und Chinesen gab die große Mehrheit an, dass neben dem Verdienst die Sprachbarriere entscheidend sei. Sie wünschten sich Englisch als Verkehrssprache an Universitäten und in Unternehmen. Einer der Befragten antwortete: „Wäre ihre Umfrage auf Deutsch gewesen, hätte ich kein Wort verstanden - und sie ignoriert.“

          Zuwanderungspolitik seit den fünfziger Jahren

          Deutschland hat seit den fünfziger Jahren mit seiner Zuwanderungspolitik gemischte Erfahrungen gemacht. Die Regierung Adenauer schloss Anwerbeabkommen ab, zuerst 1955 mit Italien, 1960 mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der Türkei. Von 1962 bis 1974 kamen rund 8,8 Millionen Gastarbeiter, 5,2 Millionen Menschen wanderten im gleichen Zeitraum in ihre Heimatländer zurück. Daraus ergab sich eine Nettozuwanderung von 3,3 Millionen Menschen. „Die Erwerbsquoten lagen anfangs sehr hoch“, erinnert Stefan Luft, Migrationsforscher an der Universität Bremen. Mit der Rezession nach dem Ölpreisschock 1973 änderte sich dies jedoch. Viele der Gastarbeiter verloren ihre Stelle. Während viele Italiener, Spanier, Griechen und Jugoslawen, die arbeitslos wurden, Deutschland wieder verließen, blieben die Türken überwiegend. Sie waren die einzige Ausländergruppe, die in den Folgejahren trotz steigender Arbeitslosigkeit zunahm. „Zuwanderung fand mehr und mehr über den Familiennachzug statt, sie wurde nicht nach Qualifikation gesteuert“, erklärt Luft. Die Migrationsströme entsprachen kaum dem Bedarf des Arbeitsmarkts. Ein großer Teil der Zuwanderung wurde vom Sozialstaat aufgefangen. Die Erwerbsbeteiligung sank drastisch: von 65 Prozent im Jahr des Anwerbestopps unter 40 Prozent nach der Jahrtausendwende. Umgekehrt stieg die Arbeitslosenquote Richtung 20 Prozent. (ppl.)

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