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Zuwanderungs-Debatte : Lässt sich Einwanderung planen?

Deutschland hat schon viel von seinen Einwanderern profitiert. Bild: Röth, Frank

Auf einmal fordern fast alle Parteien ein Einwanderungsgesetz. Damit Deutschland bestimmt, wer kommen darf. Aber allzu viel Planwirtschaft hat noch nie geholfen. Wichtiger ist es, um hochqualifizierte Zuwanderer aktiv zu werben.

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          Wenn sich die Parteien so einig sind, ist Misstrauen angebracht. Ein Einwanderungsgesetz wollen neuerdings fast alle. Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) hat es in ihre jüngsten Wahlprogramme geschrieben, der CDU-Generalsekretär ist auf die Debatte aufgesprungen, SPD und Grüne befürworteten das Konzept schon in der eigenen Regierungszeit.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch die Frage nach einem konkreten Vorbild bleibt nicht lange unbeantwortet: Kanada bewertet mögliche Einwanderer schon lange nach einem Punktesystem, das die Kandidaten mit der höchsten Integrationsfähigkeit aus dem Kreis der Bewerber herausfiltern soll.

          Hier beginnen sich die deutschen Geister schon wieder zu scheiden. Die einen wollen die Zahl der Neuankömmlinge verringern, die anderen möchten sie vergrößern – und die Nächsten haben es aufs Umschichten abgesehen: „Mehr, die uns nutzen, und weniger, die uns ausnutzen“, wie es die CSU gern formuliert (die gleichwohl kein Einwanderungsgesetz möchte).

          Nicht einmal Kanada verfolgt noch das „kanadische Modell“

          Aber was steckt wirklich hinter dem „kanadischen Modell“? Und sind die Hoffnungen berechtigt, dass sich damit passgenau alle Probleme lösen lassen – eine Einwanderung ohne Nebenwirkungen sozusagen?

          Zunächst einmal: „Das“ kanadische Modell gibt es ohnehin nicht. Die Regierung in Ottawa hat ihre Einwanderungsgesetze von Zeit zu Zeit reformiert und den Zeitumständen angepasst, auch Irrtümer korrigiert. Das gilt vor allem für eine Idee, die auch hierzulande viele Befürworter des Punktesystems hegen. Sie glauben, man könne sich Zuwanderer für bestimmte Mangelberufe wie im Katalog bestellen: Es fehlen 5000 Programmierer, also lassen wir sie aus Indien herein.

          Bild: F.A.Z.

          Davon sind die Kanadier längst abgekommen. „Als eher kontraproduktiv hat sich die Auswahl bestimmter Berufsgruppen erwiesen“, schreibt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer Studie zum kanadischen Modell. Und in der Tat: Wer seine Eignung als Einwanderer online prüfen will, wird nach dem Beruf am Anfang nicht gefragt (http://www.cic.gc.ca/ctc-vac/cometocanada.asp).

          Wichtiger sind Herkunft, Alter oder der gewünschte Bundesstaat in Kanada. Auf deutsche Verhältnisse übertragen: Ein Arzt, der nach Hoyerswerda ziehen will, hat bessere Chancen. Vor allem geht es aber um die Sprachkenntnisse: Wer keine Punktzahl aus einem der gängigen Tests in Englisch oder Französisch vorweisen kann, der scheitert an dem Fragebogen schnell.

          Bild: F.A.Z.

          Demographische Prognosen sind kein Automatismus

          Denn so exakt, wie viele glauben, lässt sich der Bedarf an Arbeitskräften gar nicht vorhersagen. Das gilt schon mit Blick auf die demographische Seite des Themas. Bevölkerungswissenschaftler wie der Bielefelder Professor Herwig Birg behaupteten stets, es lasse sich „mit großer Genauigkeit berechnen“, wie viele Menschen künftig in Deutschland leben. Im Vertrauen auf solche Prognosen hatten viele Kommunen mit staatlich geförderten Programmen zum Abriss von Wohnungen begonnen. Heute schalten sie auf Neubau um – selbst in Regionen wie Berlin, Leipzig oder Dresden, wo bis vor kurzem niemand damit rechnete.

          Für utopisch hätte man vor ein paar Jahren nicht nur die heutigen Einwandererzahlen gehalten, allein 2013 kamen 450.000 Menschen neu hinzu. Im Ausmaß überraschend entwickelte sich auch die Binnenwanderung in Deutschland selbst, vom Land in die Stadt. Auch die Zahl der Geburten ist wider Erwarten leicht gestiegen. Durch all diese Faktoren ist die Bevölkerung in den Ballungsräumen nicht nur sehr viel zahlreicher als vorausgesagt, sondern auch erheblich jünger: Von Überalterung ist im Straßenbild der Metropolen wenig zu sehen.

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