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Zuwanderung und Integration : Dilek und ihre Kinder

Türkische Ware für türkische Zuwanderer: Einkaufsladen Bild: Florian Sonntag

Millionen Zuwanderer sind am Arbeitsmarkt nicht unterzubringen. Darunter ist Dilek, eine von Thilo Sarrazins Kopftuchmüttern. Ihre Kinder aber könnten Deutschland durchaus voranbringen.

          6 Min.

          Dilek liest keine deutschen Zeitungen. Sie könnte das gar nicht. Sie wäre wahrscheinlich froh, wenn sie den einen oder anderen Artikel in der türkischen „Hürriyet“ verstünde. Aber auch die liest sie nicht; Zeitunglesen - das hat sie nie gelernt. Sie hat überhaupt kaum etwas gelernt in ihrem Leben - von Hausarbeit einmal abgesehen, für die sie nach fünf Jahren von ihrer Mutter aus der Dorfschule genommen wurde.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dilek weiß natürlich nicht, dass es in Deutschland eine Bundesbank gibt, in deren Direktorium es den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin verschlagen hat. Und schon gar nicht hat sie mitbekommen, dass der sich in abfälliger Form über ihresgleichen geäußert hat. Sie weiß auch nicht, dass sich die Gebildeten unter ihren Landsleuten derzeit über die Äußerungen des streitbaren, frisch gekürten Notenbankers genauso aufregen wie die politische Elite Deutschlands. Und dass derweil Teile der deutschen Öffentlichkeit, die sich ums politisch Korrekte so wenig schert wie der frühere Finanzsenator, diesem ziemlich ungeteilt applaudieren.

          Dilek ist 27 Jahre alt und seit zehn Jahren hier

          Dilek ist eine von Sarrazins Kopftuchmüttern, die „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“ produzieren. Die junge Türkin von der syrisch-türkischen Grenze ganz im Südosten des Landes ist vor zehn Jahren mit 17 als Braut nach Deutschland gekommen und gehört damit zu jener Gruppe von Migranten, die Sarrazin, wie er dem Berliner Magazin „Lettre International“ vor ein paar Tagen in einem Interview gestand, am liebsten in „osteuropäische Juden“ tauschen würde. Die nämlich seien mit einem „15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“ gesegnet.

          Fatima Apaydin im Integrationskurs

          Was sich der ehemalige Berliner Finanzsenator wünscht, ist das eine. Seine Bestandsaufnahme über den Grad der Integration bestimmter Migrantengruppen in Deutschland und vor allem in Berlin ist etwas anderes. Und die ist nicht ganz falsch, vor allem dann nicht, wenn man Integration ausschließlich auf den Beitrag des einzelnen Migranten zur Wertschöpfung reduziert, so wie Sarrazin es tut.

          Mit ein paar Zahlen ist das Ganze erklärt: Hierzulande leben 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, 8,6 Millionen von ihnen haben einen deutschen Pass. Die größte Gruppe sind die osteuropäischen Aussiedler. Die zweitgrößte bilden mit fast drei Millionen die Türken. Sieben Prozent der Migranten kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, 5 Prozent aus dem Nahen Osten. Türken, Jugoslawen und Araber gehören zu jenen, die sich mit der Integration - aus welchen Gründen auch immer - besonders schwertun. Mehr als jeder dritte Araber, fast jeder vierte Türke und jeder Fünfte aus dem ehemaligen Jugoslawien hat keinen Job und lebt von staatlichen Transfers. Bei den Jugendlichen sieht es noch schlechter aus, was angesichts der geringen Bildungserfolge kaum verwundert. Kurz: Rund 4,5 Millionen Zuwanderer sind am Arbeitsmarkt nicht unterzubringen.

          Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland überschätzt

          Kaum integriert, kosten sie Deutschland Jahr für Jahr wahrscheinlich 12 bis 16 Milliarden Euro, wenn man die dem Staat dadurch entgehenden Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge in die Rechnung einbezieht. Ganz so genau aber weiß das niemand. Nur glauben jetzt alle zu wissen, dass solche wie zum Beispiel Dilek und die anderen türkischen 500.000 Bräute, die über die Jahrzehnte nach Deutschland übersiedelten und sich vermehrten, besser in ihren Ländern geblieben wären.

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