Analyse zur Zuwanderung : Die Angst vor den Afrikanern
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Beim jüngsten Besuch der deutschen Bundeskanzlerin im Niger tanzt eine Gruppe zur Begrüßung in schwarz-rot-goldenen Kleidern. Bild: dpa
Die Kanzlerin will Geld lockermachen, um die Zuwanderung aus Afrika zu stoppen. Warum das weder uns noch den Afrikanern hilft.
Es war die afrikanische Woche der Bundeskanzlerin. Nicht nur, dass sie mit einer ziemlich ungewohnten Reise nach Mali, Niger und Äthiopien begann. Kaum nach Berlin zurückgekehrt, machte Angela Merkel gleich weiter: Am Mittwoch empfing sie den Präsidenten des Tschad, am Freitag war Nigeria dran. Jedes Mal ging es um das gleiche Thema: Die deutsche Regierungschefin will verhindern, dass übers libysche Meer bald genauso viele Flüchtlinge nach Europa kommen wie im vorigen Jahr über die Ägäis.
„Migrationspartnerschaften“ will sie abschließen, was nur eine ziemlich vornehme Umschreibung ist für einen so banalen wie anspruchsvollen Deal: Wir geben euch Geld für Entwicklung und helfen bei der Sicherheit, im Gegenzug haltet ihr uns die Einwanderer vom Leib.
Bekämpfung der Fluchtursachen
Merkel macht damit wahr, was sie in ihrer legendären Sommer-Pressekonferenz vor gut einem Jahr ankündigte. Von „Rückführungen in die Heimatländer“ sprach sie damals und von der „Bekämpfung der Fluchtursachen“.
Ihr „Wir schaffen das“ hatte von Anfang an zwei Gesichter: nicht nur die akute Aufnahme von Flüchtlingen zu bewältigen, sondern auch künftige Wanderungen erfolgreich zu unterbinden. Schon zum deutschen G7-Gipfel auf Schloss Elmau, Monate vor Beginn der großen Flüchtlingsdebatte, lud sie viele afrikanische Kollegen ein. Da war gerade mal wieder ein Schiff im Mittelmeer gesunken.
So weit ist die Absicht klar. Aber hat Merkels Strategie auch Aussicht auf Erfolg? Und ist sie in dieser Rigorosität überhaupt sinnvoll?
Afrika-Thema wird ernst genommen
Die Entwicklungsökonomen sind in diesen Fragen unterschiedlicher Ansicht. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie vom neuen Interesse an ihrem Thema profitieren. Vorbei sind die Zeiten, in denen das Afrika-Thema nur als ein etwas skurriler Spleen des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler wahrgenommen wurde.
Ein Beleg dafür aus der akademischen Welt: Die Uni Zürich ist gerade von Harvard bis Stanford auf Einkaufstour gegangen, um gleich vier Professorenstellen für das Fachgebiet neu zu besetzen. „Wenn die Migration langfristig eingedämmt werden soll, muss man die Entwicklung in den Ursprungsländern fördern“, sagt Institutsdirektor Ernst Fehr.
Kritik an paternalistischer Entwicklungshilfe
Die Bundesregierung hat für ihre G-20-Präsidentschaft im kommenden Jahr den britischen Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier als Afrika-Berater engagiert. Er gehört zu jenen in der Zunft, die stark die negativen Folgen der Abwanderung für die Herkunftsländer betonen. Das hört Merkel gern. Gleichzeitig kritisiert er aber die paternalistische Entwicklungshilfe alten Stils: Lieber sollten die Länder nach chinesischem Vorbild einen schlagkräftigen Kapitalismus aufbauen, als sich von wohlmeinenden Europäern aufs Brunnenbohren beschränken zu lassen.
Auf Letzteres könnte Europas Afrikapolitik ein weiteres Mal hinauslaufen. Voriges Jahr beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Malta einen Aktionsplan für den Kontinent. Auf der Liste konkreter Projekte stehen Wasserreservoirs, Schulen, Ausbildungsplätze. Das klingt nach ziemlich klassischer Entwicklungshilfe. Vom Aufbau einer eigenen industriellen Basis, von der Collier spricht und die eine echte Konkurrenz für europäische Erzeuger wäre, ist das weit entfernt.
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Zuwanderer kommen oft aus stabilen Ländern
Aber selbst wenn es klappt: Dafür, dass mit dem Aufstieg aus bitterer Armut automatisch der Wunsch nach Auswanderung erlischt, spricht nach bisherigem Kenntnisstand nicht viel. Aus den Ländern mit dem allerniedrigsten Entwicklungsstand kommen ohnehin nicht viele Menschen nach Europa, weil sie sich die Flucht schlichtweg nicht leisten können. Das gilt zum Beispiel für Niger, das in allen Wohlstands-Rankings einen der letzten Plätze belegt.