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Veränderte Fördertechniken : In der neuen Ölwelt

Wie lange die noch pumpen? Ein Fracking-Ölfeld in Kalifornien. Bild: AFP

Was wäre eigentlich, wenn es mehr Öl als genug gäbe und trotzdem immer weniger verbraucht würde? Es spricht einiges dafür, dass es so kommen wird.

          Der Tag, an dem das neue Ölzeitalter offenkundig wurde, war der 27.November 2014. Die Vereinigten Staaten feierten Thanksgiving, ein Tag der Truthähne, Kürbisse und der Familie und nicht gerade des Rohöls. Doch an jenem Donnerstag beendete die Organisation der Erdöl exportierenden Länder Opec ihre turnusgemäße Zusammenkunft in Wien mit einer wichtigen Mitteilung: Ihre Mitglieder würden die Ölförderung nicht drosseln, sondern auf dem alten Niveau halten, trotz des schon Monate währenden Preisverfalls.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Mitteilung war formal gehalten, nichts deutete äußerlich auf die Brisanz. Das Ölkartell Opec stellte an diesem Tag seine Bemühungen ein, die Preise unter Kontrolle zu bringen. 1960 war die Vereinigung just zu dem Zweck gegründet worden, das Rohöl nicht zu billig werden zu lassen. 1973 zeigte die Organisation ihre Macht, als sie ihre Förderung drosselte, den Ölpreis um 70 Prozent nach oben trieb und eine Rezession in vielen Ländern auslöste. Die Opec war im Zenit. Und heute? Heute überlässt sie die Preisbildung den Märkten. Vorerst.

          Sofort nachdem die Opec ihr Statement veröffentlicht hatte, fiel der Preis für Rohöl, der schon seit Juni gesunken war, wie ein Stein. Später pendelte er sich zwischen 50 Dollar und 60 Dollar je Fass (159 Liter) ein. Der Preisrutsch beendete eine dreieinhalbjährige Phase, in der das Fass im Schnitt 110 Dollar gekostet hatte. Nie in der Geschichte war der Preis für Rohöl so lange so hoch gewesen. Und nie zuvor war er dabei so stabil geblieben wie in jenen dreieinhalb Jahren. Kein Wunder, dass sich das Gefühl eingeschlichen hatte, der Ölpreis habe sein natürliches Gleichgewicht gefunden und der historisch hohe Preis reflektiere die Endlichkeit des Rohstoffs.

          Dabei war alles ein einziger großer Zufall. Christof Rühl, Chefökonom der Abu Dhabi Investment Authority, erklärt das so: Zwei Revolutionen haben sich in ihrer Wirkung neutralisiert. Die eine war politisch, fand in Nordafrika statt und setzte den eminent wichtigen Öllieferanten Libyen zeitweise außer Gefecht. Weil zudem verschärfte Sanktionen gegen Iran ihren Tribut forderten, fehlten plötzlich drei bis fünf Prozent des geplanten Ölangebots auf dem Markt in einer Zeit, in der die Nachfrage von den durstigen Schwellenländern beflügelt stieg. Das war der Stoff für eine ungekannte Preisexplosion weit über 111 Dollar hinaus.

          „Opec hat den Frackern den Krieg erklärt“

          Doch wie durch ein Wunder entfaltete just in jener Phase die zweite technische Revolution ihre Wirkung: die amerikanische Ölschieferrevolution, die Ausbeutung von unkonventionellen Vorkommen, vor allem im Schiefergestein, mit unkonventionellen Methoden. Genauer: die Kombination von Fracking und horizontalem Bohren. Noch im ersten Quartal 2011 war die Ölförderung der Vereinigten Staaten leicht geschrumpft. Drei Jahre später reichte die Fördermenge des Landes aus, um Verluste von Libyen, Iran und anderen Lieferanten auszugleichen.

          Heute können die Vereinigten Staaten rund zehn Prozent der globalen Nachfrage decken, sie fördern so viel wie in den Rekordjahren zwischen 1968 und 1973. Amerikas Fracker haben fast im Alleingang die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Weil gleichzeitig weniger verbraucht wurde als erwartet, schwimmt die Welt plötzlich in Öl.

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