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Zoff an der Zapfsäule : Lebensmittelkonzerne warnen vor Biosprit

Sojapflanzen auf einem Feld in Brasilien Bild: dpa

Unilever-Chef Paul Polmann sieht steigende Nahrungsmittelpreise als „perverse Folge“ hoher Biosprit-Subventionen. Wissenschaftler warnen: Der grüne Treibstoff sei ein Klimakiller.

          Der Präsident von Nestlé will keinen Biosprit tanken. „Absoluter Wahnsinn auf Kosten der Ärmsten der Armen“ sei die Nutzung von Feldfrüchten für die Gewinnung von Biodiesel, schimpfte Peter Brabeck-Letmathe kürzlich in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Vor allem in Europa und den Vereinigten Staaten fördern Politiker den Biosprit aus Klimaschutzgründen und aus Sorge um die wachsende Abhängigkeit von Ölimporten.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Das Schweizer Unternehmen (Maggi, Kitkat, Alete) ist nicht der einzige Nahrungsmittelriese, der die vor allem aus Getreide, Zuckerrohr, Raps und Soja gewonnenen Biotreibstoffe scharf kritisiert. Die steigenden Nahrungsmittelpreise hätten die Gefahrenzone erreicht, warnt auch Paul Polmann, Chef des Konkurrenten Unilever (Knorr, Pfanni, Bifi) und sieht den Auftrieb auch als „perverse Folge“ hoher Biosprit-Subventionen in den Industrieländern an.

          Doch gibt es die Konkurrenz zwischen Teller und Tank wirklich? „Wir investieren nicht in Anbauflächen, die mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren“, widerspricht Bob Dudley, Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns BP, der wie seine Konkurrenten Milliarden in die Biotreibstoffe steckt. Tatsache ist aber, dass der Ökokraftstoff bisher praktisch ausschließlich aus Nahrungsmitteln hergestellt wird. Zwar arbeitet die Branche an sogenannten Biotreibstoffen der zweiten Generation, die auf Algen und Pflanzenabfällen basieren. Aber selbst Optimisten rechnen damit, dass bis zur Marktreife noch mindestens zehn Jahre vergehen.

          Zapfsäule mit Biodiesel: Was bringt der grüne Treibstoffe?

          Die Kritik an den grünen Treibstoffen wächst, denn die Welt scheint auf eine neue Nahrungsmittelkrise wie vor drei Jahren zuzusteuern. Die hohen Nahrungsmittelpreise gelten als einer der Auslöser für die Volksaufstände in Ägypten und Tunesien. Der Nahrungspreis-Index der Vereinten Nationen hat den höchsten Stand seit 21 Jahren erreicht. Die Vereinten Nationen sprechen von einem „Preisschock“. An der Warenterminbörse in Chicago ist der Weizenpreis im vergangenen Jahr um mehr als 70 Prozent gestiegen, In China, dem wichtigsten Anbauland, bedroht eine Trockenheit die Ernte. Der Zuckerpreis erreichte in den vergangenen Wochen zeitweise ein 30-Jahres-Hoch.

          Auch an den deutschen Tankstellen hat die Biosprit-Zukunft längst begonnen

          Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) hat sich die globale Biokraftstofferzeugung seit der Jahrtausendwende fast versechsfacht. Die Weltbank schätzt, dass in den Vereinigten Staaten inzwischen knapp 30 Prozent der Maisanbaufläche für die Herstellung von Treibstoff aus Bioalkohol genutzt wird. In Europa ist die Produktion ebenfalls rasant gestiegen. Die Politik will es so: Laut IEA wird global keine andere Form der Erneuerbaren Energien stärker gefördert. 2009 flossen insgesamt 20 Milliarden Dollar an Subventionen, etwa in Form von Steuernachlässen. Allein die EU-Länder gaben 7,9 Milliarden Dollar aus. Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) prognostiziert, dass die globale Bioethanolerzeugung bis zum Ende des Jahrzehnts nochmals um mehr als drei Viertel steigen wird. Vor allem die brasilianische Biospritherstellung aus Zuckerrohr werde stark wachsen. Nach Schätzung der IEA wird auf der Welt bis 2035 insgesamt 335 Milliarden Dollar in den Biotreibstoffsektor investiert.

          Auch an den deutschen Tankstellen hat die Biosprit-Zukunft längst begonnen. Seit diesem Jahr können die Autofahrer die neue Sorte E10 tanken, die 10 Prozent Bioethanol enthält. Eine EU-Richtlinie schreibt vor, dass in Europa 10 Prozent des Energiebedarfs im Transportsektor bis 2020 aus erneuerbaren Quellen stammen müssen. Heute machen Biotreibstoffe global nur etwa 3 Prozent des Gesamtverbrauchs aus. Die Vereinigten Staaten forcieren das Biospritgeschäft ebenfalls per Gesetz.

          Jeremy Woods glaubt trotzdem nicht daran, dass an den Zapfsäulen in Deutschland und Amerika Hungersnöte in Afrika heraufbeschworen werden. „Das mag intuitiv einleuchten – aber tatsächlich ist es sehr schwer, einen Zusammenhang zwischen der Biokraftstoffproduktion und den Nahrungsmittelpreisen zu finden“, sagt der Bioenergiefachmann am Imperial College in London. Auch die Weltbank ist skeptisch. Global betrachtet würden bisher nur rund 1,3 Prozent der Getreideanbauflächen für Biotreibstoffe genutzt, rechneten ihre Agrarspezialisten in einer im vergangenen Sommer veröffentlichten Studie vor. Zu wenig, um die von Biosprit-Gegner behaupteten Nachfrage- und Preiseffekte zu bewirken.

          Biosprit mehr als doppelt so schädlich wie normaler Kraftstoff

          Umgekehrt wachsen aber auch die Zweifel, ob der Biosprit im Tank wirklich das Klima schützt. Die gängige Begründung geht so: Biosprit ist gut, weil bei seiner Verbrennung zwar Treibhausgase freigesetzt werden, das Pflanzenwachstum zuvor aber auch Kohlendioxid gebunden hat. Stimmt nicht, sagt dagegen das Institute for European Environmental Policy (IEEP), das im Herbst eine von der EU mitfinanzierte Nachhaltigkeitsstudie veröffentlicht hat. Wenn Europa seine ehrgeizigen Biokraftstoffziele bis 2020 erreichen wolle, müssten dafür nach Schätzung der Forscher bis zu 69 000 Quadratkilometer zusätzliches Ackerland geschaffen werden – eine Fläche mehr als doppelt so groß wie Belgien. Dabei würden im großen Stil wertvolle Ökosysteme wie Wälder und Feuchtgebiete vernichtet, die als Kohlendioxid-Senken wesentlich effektiver seien als Ackerflächen.

          Wegen dieses Landschaftsverbrauchs, so warnen die Wissenschaftler, sei der Biosprit in Wahrheit ein Klimakiller und womöglich mehr als doppelt so schädlich wie normaler Kraftstoff. Unilever-Chef Polman bestärkt das nur in seiner Skepsis. Wenn die Politik nicht aufpasse, „werden wir in die absurde Situation kommen, dass wir Mercedes‘ und Porsches mit einem Kraftstoff betreiben, der nicht nur klimaschädlicher ist, sondern auch zum Preisanstieg an den Nahrungsmittelmärkten beiträgt“, fürchtet er.

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