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Zinsmanipulation : Die Libor-Bande

Interessant wird eine Klage nur bei größeren Darlehen, meint Weck - wie sie in seinem Mandantenkreis etwa Kommunen oder Unternehmen aus der Schifffahrts-Branche vorzuweisen hätten. „Die massivsten Schäden aber resultieren aus Derivaten“, sagt der Münchener Anwalt. Vor allem aus sogenannten Korridor-Swaps: Das sind Finanzprodukte, mit denen man sich gegen Zinsänderungen absichert. Dabei gibt es oft einen Grenzwert, der entscheidet, ob man mit dem Wertpapier einen großen Gewinn macht - oder einen großen Verlust: „Hier haben bereits geringe Veränderungen des Libors zu einer enormen Wirkung geführt“, sagt der Anwalt. Das mache die Klage attraktiv.

Die Beweisführung ist trotzdem äußerst schwierig. Als erstes muss man belegen, dass es überhaupt eine Manipulation gab. Da könnten die Berichte der Aufsichts-, und Kartellbehörden helfen. Auch wenn die Banken vermutlich alles tun werden, um nicht zu viele Details daraus bekannt werden zu lassen - eben um die Aussichten von zivilrechtlichen Auseinandersetzungen nicht zu begünstigen.

Die Geschädigten müssten zeigen, wann genau die Manipulation den Zins in welche Richtung bewegt hat. Dazu muss man wissen, wie sich der Zins ohne Manipulation entwickelt hätte. Das ist nicht leicht: Die Anwälte verweisen auf finanzmathematische Modelle, mit denen man anhand der Entwicklung anderer, paralleler Zinssätze eine theoretische Kurve simulieren könne. Aber ob das als Beweismittel vor Gericht ausreicht?

Das Ganze wird dauern

Strittig scheint auch zu sein, ob man beweisen muss, dass es eine spezielle Bank war, die den Zins manipuliert hat, um diese auf Schadenersatz verklagen zu können - und dass man mit ihr überhaupt eine Geschäftsbeziehung hatte. Bei Zement wäre das so: Wenn ein Zementkartell, das es in Deutschland auch mal gab, für künstlich überhöhte Zementpreise gesorgt hat, dann kann man nur dann Schadenersatz geltend machen, wenn man von einem der Kartellbrüder tatsächlich beliefert wurde. Nicht, wenn man sein Zement irgendwo anders gekauft hat.

Allerdings: Beim Libor und beim Euribor handelt es sich um sogenannte Referenzzinssätze. Es sind nicht einfach Preise zwischen einem Anbieter und einem Nachfrager, die aufgrund von Absprachen überhöht ausgefallen sind. Sondern es sind Finanzdaten, die auf die ganze Finanzwelt ausstrahlen. Das könnte ihre rechtliche Beurteilung anders ausfallen lassen, so wird zumindest spekuliert.

Wie auch immer die Antworten ausfallen: Schnell wird das Ganze nicht gehen. Juristen weisen zwar darauf hin, dass es in Amerika nicht unüblich sei, in ähnlichen Fällen einen Musterprozess zu führen, bei dem alle diese Fragen geklärt würden, und sich dann mit allen Geschädigten zu vergleichen. Ob das in diesem Fall so kommt, weiß aber niemand.

Auf der Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank vor gut einer Woche in Frankfurt wurde der versammelte Vorstand gefragt, ob die Auseinandersetzungen um den Libor-Skandal denn nun in diesem Jahr abgeschlossen würden. Stephan Leithner, der Vorstand der Deutschen Bank für Personal und Recht, sagte, das sei angesichts der Vielzahl von Verfahren leider „sehr, sehr unwahrscheinlich“.

Vermutlich wird es viele Jahre dauern. Wenn man die ganze Welt zurückdrehen muss, schafft man das nicht an einem Tag.

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