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Zinsmanipulation : Die Libor-Bande

Vorsorglich hat die Bank bereits im dritten Quartal des vorigen Geschäftsjahres Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen gebildet. Bafin-Chefin Elke König hatte die Banken nachdrücklich dazu aufgefordert. Immerhin geht es um gewaltige Summen: Die UBS hatte 1,5 Milliarden Dollar zahlen müssen, Barclays 453 Millionen Dollar, die Royal Bank of Scotland 615 Millionen Dollar. Das deutsche Recht sieht zwar keine so gewaltigen Strafzahlungen vor wie das angelsächsische - die Deutsche Bank dürfte aber auch in England und Amerika belangt werden. Eine Studie der Investmentbank Morgan Stanley hatte den Schaden für die Deutsche Bank auf immerhin 1,04 Milliarden Euro hochgerechnet.

Viel komplizierter aber dürften die zivilrechtlichen Verfahren werden, die sich anschließen. Schließlich werden viele, die durch die Manipulationen geschädigt wurden, Ansprüche auf Schadenersatz geltend machen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat die Finanzprodukte, die weltweit am Libor hängen, auf die unglaubliche Summe von mehr als 500 Billionen Euro geschätzt.

Weil aber der Libor in so vielen Kalkulationen steckt, spricht Bankenprofessor Burghof davon, es gehe darum „die Welt zurückzudrehen“, wenn man alle Folgen der Manipulation mit Hilfe der Gerichte jetzt korrigieren wolle.

Wer indirekt geschädigt wurde, hat wenig Chancen

Das Paradoxe dabei: Den größeren Schaden insgesamt hatten die vielen Menschen, die für einen Kredit zu viel gezahlt haben oder für ein Sparguthaben zu wenig Zinsen bekommen haben. Ihre Zahl ist gewaltig. Jeder einzelne von ihnen hingegen hat einen vergleichsweise kleinen Schaden - so dass unklar ist, ob sich für ihn eine Klage überhaupt lohnt.

Umgekehrt spielen die Menschen, die komplexe Wertpapiere gekauft haben, die am Libor hängen, zahlenmäßig im Vergleich zur Weltbevölkerung eine eher untergeordnete Rolle. Jeder einzelne von ihnen könnte aber einen relativ großen Schaden geltend machen - so dass sich für ihn eine Klage eher lohnt.

Die möglichen Geschädigten sortieren sich auf jeden Fall schon. In Amerika haben sich Kommunen und Fondsgesellschaften zu einer Sammelklage zusammengeschlossen; darunter auch eine Tochtergesellschaft der Frankfurter Privatbank Metzler. Auch Menschen mit Hypothekendarlehen in Amerika sind auf den Barrikaden.

Einer, der hierzulande an einer Klage arbeitet, ist der Anwalt Jochen Weck aus München von der Kanzlei Rössner Rechtsanwälte. Er unterscheidet allerdings sehr genau, für wen sich aus seiner Sicht ein gerichtliches Vorgehen lohnt.

Für all diejenigen, die lediglich indirekt durch die Zins-Manipulation geschädigt wurden, sehen die Juristen wenig Chancen. Und bei Darlehen, die direkt an den Bankenzins gekoppelt sind, könnte das Problem auftauchen, dass der Aufwand im Vergleich zum möglichen Schadenersatz zu klein ist. So gewaltig selbst eine minimale Änderung des Zinses für die ganze Welt ist, so klein sind die Auswirkungen auf kleinere Einzelkredite.

Die Beweisführung ist äußerst schwierig

Immerhin führte selbst bei einem Darlehen über eine Million Euro eine Manipulation des Libor um zehn Basispunkte (etwa von 4,0 auf 4,1 Prozent) nur zu einem Schaden von 1000 Euro im Jahr. In einem langwierigen Verfahren dürfte schon der Anwalt mehr kosten.

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