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Zinsmanipulation : Die Libor-Bande

Derivatehändler kungelten mit den Geldhändlern

Das Problem nun: Banken leihen sich heute nur selten ohne Sicherheiten noch Geld. Es gibt zu wenige reale Geschäfte, auf die sich die Meldungen für den Libor gründen können. Das schafft Ermessensspielraum - und Interessenkonflikte. Man kann gut tricksen, indem man Zahlen meldet, die einem gerade passen. „Der Libor-Zins lud zu Manipulation geradezu ein“, sagt Elke König, die Chefin der Bankenaufsicht Bafin. „Aus heutiger Sicht macht mich das sprachlos.“

Vor allem zwei Motive trieben Banker an, den Zins zu manipulieren. Das eine war der sogenannte „Schaufenster-Effekt“: Banken versuchten in der Finanzkrise durch die Meldung eines zu niedrigen Libor-Wertes den Eindruck zu erwecken, sie könnten sich günstiger Geld leihen, als das in Wirklichkeit der Fall war. Dadurch sollten Kunden und Konkurrenten glauben, die Lage der Bank sei besser, als sie damals war. „Low balling“ nennen die Banker dieses bewusste Nach-unten-Manipulieren. Gerade bei Barclays, aber auch bei der UBS spielte dieses Motiv eine Rolle. Das andere Motiv war die Habgier von Händlern, die den Zins manipulierten, weil es ihren Spekulationen gerade nutzte. Sie manipulierten den Zins nicht immer in eine Richtung, sondern mal nach oben, mal nach unten. Und machten Handelsgeschäfte für die Bank, von denen sie über eine Gewinnbeteiligung oder einen saftigen Bonus profitierten.

Insider schildern dieses Geschäftsmodell so: Derivatehändler deckten sich mit Wertpapieren ein, die man als Wette auf die künftige Entwicklung des Libor betrachten kann. Etwa Termingeschäfte auf den Drei-Monats-Libor. Diese Handelspositionen brachten ihnen Geld ein, wenn der Libor zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Höhe hatte.

Dann sprachen sich die Händler mit anderen ab - zunächst innerhalb der Bank. Die Derivatehändler kungelten mit den Geldhändlern - jenen Leuten, die jeden Tag die Libor-Meldungen machten.

2000 Manipulationsversuche zwischen 2005 und 2012

Als zweiten Schritt sprachen sich die Libor-Melder dann mit Kollegen aus anderen Banken ab. Das war offenbar ein Geben und Nehmen: Mal half der eine dem anderen, mal der andere dem einen. In einigen Fällen wurden auch Broker bestochen, die ihrerseits wieder anderen Banken zu niedrige oder zu hohe Zinssätze nannten.

Was waren das für Leute, die so was machten? Als extremes Beispiel wird in den Ermittlungsakten Tom Hayes genannt, ein 33 Jahre alter Händler der UBS in Tokio. Er war ein Star im Handelsraum und brachte seiner Bank Hunderte von Millionen Dollar ein. Für Hayes genügte ein winziges Rädchen, um gewaltige Summen zu bewegen: Er habe in einem Fall den Libor nur um 0,01 Prozent manipulieren müssen, damit seine Spekulationsgeschäfte einen Gewinn von 459.000 Dollar abwarfen, wird berichtet.

Welchen Libor hätten Sie denn gern?
Welchen Libor hätten Sie denn gern? : Bild: Bloomberg

Davon machte er offenbar reichlich Gebrauch - und andere auch. Die Behörden jedenfalls kamen zu dem Schluss, zwischen 2005 und 2010 habe es bei der UBS mindestens 2000 Manipulationsversuche gegeben. Sie verdächtigen die Bank sogar, in dieser Zeit ausschließlich gefälschte Libor-Meldungen abgegeben zu haben.

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