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Wunderprodukt Joghurt? : Die Bakterienkultur

  • -Aktualisiert am

Mit LC 1 fing alles an, zuletzt kam cholesterinsenkende Milch auf den Markt Bild: Dieter Rüchel

Joghurtregale sind voller Heilsversprechen. Lebensmittelkonzerne verdienen damit gut, Verbraucherschützer finden das böse und empfehlen Dörrpflaumen. Hunderte Beamte prüfen gesundheitsbezogene Reklame. Essen sollte doch Freude machen.

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          Linksherum, rechtsherum – in den Joghurtbechern im Kühlregal drehen sich Milliarden von Milchsäurebakterien. Man kann sie nicht sehen. Im Gegensatz zu den Werbebotschaften auf den Etiketten: „Bringt Ihre Verdauung in Schwung“ – „Actimel activiert Abwehrkräfte“. Das scheint zwar kein uneinlösbares Versprechen zu sein, denn dasselbe ließe sich von jeder Karotte behaupten. Verbraucherschützer finden solche Werbung trotzdem empörend. Am Dienstag ging die Organisation Foodwatch mit der Meldung an die Öffentlichkeit, ein Joghurt sei kein Wunderprodukt, und ein Activia-Joghurt sei kein Garant für „perfektes Darmwohlbefinden“. Ein besseres Darmwohlbefinden lasse sich auch mit Spaziergängen oder Trockenpflaumenverzehr erreichen. Die Werbesprüche seien „unverfroren“ und grenzten an eine Lüge. Der Hersteller Danone konterte routiniert. Seine Behauptungen seien belegt, wer möge, dürfe weiter Dörrpflaumen essen.

          Beide Akteure dieses Gezänks haben eines gemeinsam. Sie sind Erscheinungsformen einer Gesellschaft, die überhaupt offen ist für die plakativen Versprechen der Werbung. Sonst hätten beide weniger zu tun – Verbraucherschützer und auch eine Werbebranche, die Glück, Jugend oder Gesundheit durch Konsum verspricht. Diesmal haben die wackeren Verbraucherschützer auf einen längst taumelnden Gegner eingeschlagen. Viele Verbraucher misstrauen der Joghurtwerbung längst. In den vergangenen beiden Jahren gingen die mit solchen Produkten erzielten Umsätze im zweistelligen Prozentbereich zurück, nach Zahlen des Marktforschungsinstituts Nielsen etwa im vergangenen Jahr von 1,4 auf 1,2 Milliarden Euro. Der Verbraucher hatte auch ohne Einmischung seiner Beschützer schon bemerkt, dass ein Joghurt kein Messias ist.

          Lang wuchs die Nachfrage nach probiotischen – also mit nach dem Verzehr im Darm wirksamen Bakterienkulturen – Joghurts. Nachdem Nestlé vor 16 Jahren seinen „LC 1“ auf den Markt brachte, folgten viele Hersteller dem Schweizer Konzern. Jetzt trinken die Deutschen täglich 1,6 Millionen Fläschchen Actimel und essen 1,7 Millionen Becher Activia. Doch offenbar genügen ihnen diese Menge Probiotika. Weiteres Wachstum erwartet Brigitte Arndt-Rausch vom Marktforschungsinstitut Nielsen nicht. Sie sagt, die meisten Verbraucher kauften weiterhin die günstigsten Produkte, und diese Tendenz werde sich nun verstärken, da die Nahrungsmittelpreise insgesamt stiegen.

          Joghurthersteller investieren Milliarden in neue Rezepte und wissenschaftliche Studien, glauben sollte man trotzdem nicht alles

          Einführung von Beipackzetteln

          Die Nahrungsmittelindustrie sieht das anders. Die großen Unternehmen investieren Hunderte Millionen Euro im Jahr in die Forschung, um neue Lebensmittel an den Markt zu bringen, die vermehrt auch mit einem Zusatznutzen für die Gesundheit beworben werden sollen. Denn die Margen für solche Produkte sind höher. Bisher sind vor allem derartige Milchprodukte im Handel, aber viele andere Lebensmittel könnten mit gesundheitsförderlichen Zusatzstoffen angereichert werden, vom Brot bis zur Fertigsuppe. Ob der Markt für solche Nahrungsmittel wie von ihnen erhofft wachsen wird? Das wird daran hängen, ob die Verbraucher glauben, dass es ein wirklich so entscheidender Faktor für ihre Gesundheit ist, nicht nur ausgewogen, sondern solche Hightech-Lebensmittel zu essen. Tausende Mitarbeiter experimentieren jedenfalls schon heute in den Laboren. Danone untermauert seine Werbeversprechen allein für den Joghurt Activia mit 17 Studien, an denen mehr als 1200 Probanden teilgenommen haben. Diese Studien werden nach Auskunft von Jürgen Bernhardt, der in Esslingen das private Forschungslabor Biotesys betreibt, mittlerweile mit ähnlichem Aufwand wie Wirksamkeitsstudien in der Pharmaindustrie betrieben. Bürokraten diskutieren über die Einführung von Beipackzetteln, die auch für Nahrungsmittel ausführlich über Wirksamkeit und Risiken informieren.

          Verbraucher, die das interessiert, können im Internet schon jetzt Dutzende solcher Studien zur Wirksamkeit jedes einzelnen probiotischen Joghurts lesen. An Information mangelt es nicht. Auf den Internetseiten des Marktführers Danone ist etwa zu erfahren, Actimel enthalte neben den üblichen Joghurtbakterien auch die Kultur „L. casei DN-114 001 / CNCM I-1518“, und „in jedem Fläschchen Actimel befinden sich mindestens 10 Milliarden lebende L. Casei Defensis Kulturen“. Andererseits gibt immer noch die Mehrheit der Käufer an, der Geschmack sei das entscheidende Kaufkriterium. Der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Nahrungsmittelindustrie steht eine Informationsüberflutung seitens des Verbrauchers gegenüber. „Die Frage ist, hat der Verbraucher einen Nutzen von all diesen Informationen“, fragt Christina Rempe vom Verbraucherzentrale-Bundesverband.

          Ein Joghurt ist kein Wundermittel, aber er wirkt. Der Darm des Menschen wird von Bakterien besiedelt, ein gesunder Erwachsener trägt mehr als ein Kilo Bakterien in sich, viele hundert Arten. In den vergangenen 20 Jahren habe es einen enormen Erkenntnisgewinn gegeben in der Erforschung der Gesundheitswirkung probiotischer Kulturen, sagt der Ernährungswissenschaftler Stephan Bischoff von der Universität Hohenheim. Es gelte als gesichert, dass manche probiotischen Joghurts Durchfall lindern, Darmkrankheiten vorbeugen und den Zustand eines Darms verbessern können, der von Antibiotika geschädigt ist. Aber auch normaler Joghurt sei förderlich. „Die Wahrheit liegt zwischen den überzogenen Werbeversprechen der Industrie und der Fundamentalkritik der Verbraucherschützer“, sagt Bischoff. „Ich glaube aber insgesamt, dass die Ernährung ein Riesenpotential hat auf die Gesundheit zu wirken.“

          „Goldener Reis“

          So stellen sich die Unternehmen mit Milliardeninvestitionen auf die Zukunft nach dem Apfel und nach Omas Hühnersuppe ein, nicht ohne die Marktchancen in einer alternden und kränkelnden Gesellschaft zu beschwören. Nestlé gründete im vergangenen Jahr die Tochtergesellschaft Health Science und investiert mehr als eine Milliarde Euro jährlich in Forschung und Entwicklung. Danone, nach eigenen Angaben Marktführer im Segment der probiotischen Joghurts, unterhält ein Forschungszentrum in Paris, eines in den Niederlanden. 200 Millionen Euro im Jahr kostet die Forschung, 1200 Mitarbeiter sind in diesem Bereich tätig, davon 500 wissenschaftliche Mitarbeiter. Sie beschäftigen sich etwa mit Verbindungen von der Darmfunktion und der des menschlichen Bewegungsapparates oder des Gehirns. Der Konzern, der 2010 einen Umsatz von 17 Milliarden Euro und einen Gewinn von 2,6 Milliarden Euro erwirtschaftete, verfügt über mehr als 400 Patente. Zuletzt brachte er Joghurtgetränke mit dem Namen Danacol auf den Markt, die Phytosterine enthalten und als cholesterinsenkend verkauft werden. Doch ganz neu ist das Thema des Gesundheitsbezugs von Nahrungsmitteln für Danone nicht. Seine ersten Joghurts verkaufte das Unternehmen in den zwanziger Jahren in Apotheken.

          Gern würde die Lebensmittelindustrie immer mehr Produkte mit gesundheitsfördernden Zusatzstoffen auf den Markt bringen und sie mit Versprechen bewerben, wie dass der Verzehr einem Schlaganfall vorbeuge, dass er das Risiko für überhöhten Blutdruck, Hautalterung, Osteoporose, Diabetes, Fettleibigkeit oder Alzheimer mindere. Der „personalisierten Ernährung“ wird eine große Zukunft vorhergesagt, also Nahrungsmitteln, die auf den Nährwertbedarf des Einzelnen abgestimmt sind. Fruchtsäfte enthalten zunehmend antioxidative Pflanzenstoffe, andere Nahrungsmittel zugesetzte Omega-3-Fettsäuren. Und in Ländern, die größere Hoffnungen auf die Gentechnik setzen als Deutschland, soll etwa „goldener Reis“, der viel mehr Betacarotin enthält als gewöhnlicher, Mangelerscheinungen lindern.

          Gute und gut darstellbare Taten

          Obwohl sich Berichte über Lebensmitteltrends schon seit Jahren wie Science Fiction-Romane lesen, scheint im Supermarkt davon noch nicht viel angekommen zu sein. Die Lebensmitteltrends beschäftigen dafür schon jetzt Hunderte echte Beamte. Mehr als 400 Mitarbeiter sind in der Behörde für Europäische Lebensmittelsicherheit (Efsa) damit beschäftigt, die mehr als 4000 bisher eingegangenen Anträge auf sogenannte „Health Claims“ zu bearbeiten, 1500 externe Wissenschaftler arbeiten als Gutachter mit. In Europa regelt die sogenannte „Health Claims“-Verordnung, welche Gesundheitsversprechen in der Werbung zulässig sind, in Deutschland gibt es weitere gesetzliche Regelungen. Damit ein Hersteller für Lebensmittel einen gesundheitlichen Zusatznutzen ausweisen darf, muss die Efsa diesen Nutzen als wissenschaftlich erwiesen ansehen. In der EU-Verordnung ist auch detailliert geregelt, wie solche Werbebotschaften formuliert sein dürfen. Und die Hersteller sind dazu verpflichtet, dazu allgemeine Aussagen anzugeben, wie dass eine unausgewogene Ernährung und wenig Bewegung weitere Risikofaktoren seien. Hunderte Gutachten der Efsa finden sich schon jetzt auf deren Internetseite, etwa ein von 21 Wissenschaftlern verfasstes Papier zur Frage, ob der Konsum größerer Mengen an Wasser das Risiko reduziere, dass ein Mensch dehydriert und damit seine Leistungsfähigkeit abfällt. Kürzlich lehnte die Efsa einen Anrag von Danone ab – das Unternehmen konnte nicht beweisen, dass Actimel Durchfall vorbeuge. Die EU-Verordnung gestattet aber weiterhin traditionelle Produktbezeichnungen. Etwa „Hustenbonbon“.

          Auf dem Joghurtetikett dürfte es künftig noch enger werden. Neben den vorgeschriebenen Erklärungstexten für gesundheitsbezogene Werbeslogans, der immer noch wachsenden Anzahl von Labels (von gentechnikfrei bis vegan) oder Öko-Siegeln, wird zunehmend auch auf die Wohltaten der Konzerne hingewiesen. Denn wichtiger als die Gesundheit sei auch in dieser Branche mittlerweile das Thema Nachhaltigkeit, sagt Brigitte Arndt-Rausch von Nielsen. Die Konzerne übertreffen sich also in guten und gut darstellbaren Taten. Sie spenden Geld für Klimaschutzprojekte, stellen in Indien verlustträchtig nährstoffreiche Joghurts für arme Kinder her oder lassen Brunnen in Afrika bauen. Kommende Woche wird Danone den ersten Joghurtbecher aus nachwachsenden Rohstoffen vorstellen.

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