https://www.faz.net/-gqe-yh36

Wunderprodukt Joghurt? : Die Bakterienkultur

  • -Aktualisiert am

Mit LC 1 fing alles an, zuletzt kam cholesterinsenkende Milch auf den Markt Bild: Dieter Rüchel

Joghurtregale sind voller Heilsversprechen. Lebensmittelkonzerne verdienen damit gut, Verbraucherschützer finden das böse und empfehlen Dörrpflaumen. Hunderte Beamte prüfen gesundheitsbezogene Reklame. Essen sollte doch Freude machen.

          Linksherum, rechtsherum – in den Joghurtbechern im Kühlregal drehen sich Milliarden von Milchsäurebakterien. Man kann sie nicht sehen. Im Gegensatz zu den Werbebotschaften auf den Etiketten: „Bringt Ihre Verdauung in Schwung“ – „Actimel activiert Abwehrkräfte“. Das scheint zwar kein uneinlösbares Versprechen zu sein, denn dasselbe ließe sich von jeder Karotte behaupten. Verbraucherschützer finden solche Werbung trotzdem empörend. Am Dienstag ging die Organisation Foodwatch mit der Meldung an die Öffentlichkeit, ein Joghurt sei kein Wunderprodukt, und ein Activia-Joghurt sei kein Garant für „perfektes Darmwohlbefinden“. Ein besseres Darmwohlbefinden lasse sich auch mit Spaziergängen oder Trockenpflaumenverzehr erreichen. Die Werbesprüche seien „unverfroren“ und grenzten an eine Lüge. Der Hersteller Danone konterte routiniert. Seine Behauptungen seien belegt, wer möge, dürfe weiter Dörrpflaumen essen.

          Beide Akteure dieses Gezänks haben eines gemeinsam. Sie sind Erscheinungsformen einer Gesellschaft, die überhaupt offen ist für die plakativen Versprechen der Werbung. Sonst hätten beide weniger zu tun – Verbraucherschützer und auch eine Werbebranche, die Glück, Jugend oder Gesundheit durch Konsum verspricht. Diesmal haben die wackeren Verbraucherschützer auf einen längst taumelnden Gegner eingeschlagen. Viele Verbraucher misstrauen der Joghurtwerbung längst. In den vergangenen beiden Jahren gingen die mit solchen Produkten erzielten Umsätze im zweistelligen Prozentbereich zurück, nach Zahlen des Marktforschungsinstituts Nielsen etwa im vergangenen Jahr von 1,4 auf 1,2 Milliarden Euro. Der Verbraucher hatte auch ohne Einmischung seiner Beschützer schon bemerkt, dass ein Joghurt kein Messias ist.

          Lang wuchs die Nachfrage nach probiotischen – also mit nach dem Verzehr im Darm wirksamen Bakterienkulturen – Joghurts. Nachdem Nestlé vor 16 Jahren seinen „LC 1“ auf den Markt brachte, folgten viele Hersteller dem Schweizer Konzern. Jetzt trinken die Deutschen täglich 1,6 Millionen Fläschchen Actimel und essen 1,7 Millionen Becher Activia. Doch offenbar genügen ihnen diese Menge Probiotika. Weiteres Wachstum erwartet Brigitte Arndt-Rausch vom Marktforschungsinstitut Nielsen nicht. Sie sagt, die meisten Verbraucher kauften weiterhin die günstigsten Produkte, und diese Tendenz werde sich nun verstärken, da die Nahrungsmittelpreise insgesamt stiegen.

          Joghurthersteller investieren Milliarden in neue Rezepte und wissenschaftliche Studien, glauben sollte man trotzdem nicht alles

          Einführung von Beipackzetteln

          Die Nahrungsmittelindustrie sieht das anders. Die großen Unternehmen investieren Hunderte Millionen Euro im Jahr in die Forschung, um neue Lebensmittel an den Markt zu bringen, die vermehrt auch mit einem Zusatznutzen für die Gesundheit beworben werden sollen. Denn die Margen für solche Produkte sind höher. Bisher sind vor allem derartige Milchprodukte im Handel, aber viele andere Lebensmittel könnten mit gesundheitsförderlichen Zusatzstoffen angereichert werden, vom Brot bis zur Fertigsuppe. Ob der Markt für solche Nahrungsmittel wie von ihnen erhofft wachsen wird? Das wird daran hängen, ob die Verbraucher glauben, dass es ein wirklich so entscheidender Faktor für ihre Gesundheit ist, nicht nur ausgewogen, sondern solche Hightech-Lebensmittel zu essen. Tausende Mitarbeiter experimentieren jedenfalls schon heute in den Laboren. Danone untermauert seine Werbeversprechen allein für den Joghurt Activia mit 17 Studien, an denen mehr als 1200 Probanden teilgenommen haben. Diese Studien werden nach Auskunft von Jürgen Bernhardt, der in Esslingen das private Forschungslabor Biotesys betreibt, mittlerweile mit ähnlichem Aufwand wie Wirksamkeitsstudien in der Pharmaindustrie betrieben. Bürokraten diskutieren über die Einführung von Beipackzetteln, die auch für Nahrungsmittel ausführlich über Wirksamkeit und Risiken informieren.

          Weitere Themen

          Was ging schief in Venezuela? Video-Seite öffnen

          Wirtschaft am Abgrund : Was ging schief in Venezuela?

          Den Menschen in Venezuela fehlt es an allem. Die Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten ist katastrophal, ständig fällt der Strom aus und aktuell wird das Benzin knapp - in einem der erdölreichsten Länder der Welt. MADE sucht nach Ursachen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.